Vom Bodensee an die Biskaya

Posted by in Britta trifft... on Mi. Mai. 2014

Vom Bodensee an die Biskaya

 

Er liebt die langen Schläge und sein kleines Boot. Mit seinem 5,80 Meter langen Gaffelkutter wagte sich der Schweizer Bootsbauer Stefan Züst an eines der anspruchsvollsten Segelreviere Europas. Vonder Bretagne segelte er bis um das Kap Ortegal. Für mich öffnete der 30-Jährige sein Reisetagebuch.

Artikel als pdf lesen 

An meinem 30. Geburtstag befinde ich mich mitten auf dem Golf von Biskaya. Allein. Der Kuchen, der seit fast vier Wochen in der Backskiste auf den heutigen Tag wartet, schmeckt trocken. Ich packe die Geschenke aus, die Freunde mir mitgegeben haben. Doch das schönste Geschenk habe ich mir selbst gemacht: nicht nur die heutige Überfahrt von Bilbao nach Port Médoc, diese ganze Reise ist mein Geschenk an mich. Von der Bretagne in Frankreich aus einmal über die Biskaya. Ich will einen Portwein trinken in Porto.

Am 25. Juli startet meine Reise in Vannes. Startklar wartet die Eilean mor auf das Abenteuer. Ich notiere in meinem Tagebuch:

Die Bretagne empfängt mich mit wolkenverhan- genem Himmel. Vielleicht etwas kühl für wirkliche Sommergefühle – nein, eigentlich richtig ange- nehm. Der Golf du Mor- bihan präsentiert sichbei meiner Abreise von seiner wie gewohnt char- manten Seite und auch wie gewohnt unbarm- herzig strömungs- und tückenreich. Kurz nach Port Navalo setze ich Segel und Gennaker und das Boot schießt mit 5.5 bis 6 Knoten dahin Rich- tung Le Croisic. Delfine schwimmen mit, springen vor dem Klüverbaum.

Das kleine Schiff gibt mir das Gefühl, intensiv das Meer zu erleben. Die Eilean mor ist ein Golant Gaffer, Länge über Deck: 5,80 Meter, 2,25 Meter breit. Der Riss stammt aus
der Feder von Roger Dongray, der auch schon den Cornish Shrimper entwarf. Den Golant hatte Dongray als kleines, see- tüchtiges Boot für Ausflüge an der Englischen Südküste entwickelt. Entsprechend gut verträgt die Eilean Mor Wind und Atlantikwellen. Mein kleiner Kampfbonsai. Ich habe sie von einem Kunden gekauft und ihm versprochen, dem kleinen Schiff die große Welt zu zeigen.

„St. Denis auf der Ile d’Oléron ist ein Ferienpa- radies, herrlich mediter- ran ist es hier und dochnoch handfest atlantisch. Also das Beste von beiden Welten.“

Im Hafen liegt ein Ehepaar neben mir. Eigentlich können Franzosen nur Französisch. Aber wenn man mit so einem Boot ankommt, dann spre- chen sie auf einmal richtig gutes Englisch. Oder sogar Deutsch mit Schweizer Dia- lekt. Sie fragen mich, woher ich komme und wohin ich wolle. – „Ich komme aus Van- nes und fahre einen Portwein trinken. In Porto.“ Sie glau- ben mir nicht. Nicht mit dem Schiff. Sie ringen mir das Ver- sprechen ab, nur an der Küste entlang zu fahren. Nicht raus. Dabei ist es draußen doch viel sicherer. Die Wellen sind zwar hoch, aber lang. Erst wenn sie brechen, bekommt man Probleme. Am nächsten Tag ist draußen kaum Wind, an der Küste brist es ordent- lich. Ohne Bedenken kann ich mein Versprechen hal- ten. Durch die Nacht segle ich nach Arcachon. Ich mag es, nah an den Elementen zu sein. Wenig Freibord, wenig Material zwischen mir und dem Meer. Und natürlich mag ich es, wenn die Leute gucken, wenn ich mit dem schön lackierten Holzboot in den Hafen gefahren komme. Überall bekomme ich einen guten Platz und alles was ich will, oftmals auch umsonst. Der coole Typ, der mit sei- nem kleinen Schiff über die Biskaya fährt. Der verrückte Schweizer. Das bin ich gern.

Bis zur Mündung der Gironde ist noch relativ viel Verkehr. Das heißt, man
sieht immer mal Schiffe. Später sieht man niemanden mehr. Die Girondemündung ist schwierig anzulaufen, dort steht manchmal eine extreme Welle. Bis zum nächsten Hafen sind es von hier ungefähr 70 Seemeilen. Und Cap Ferret, die Ein- fahrt von Arcachon, ist bei schlechtem Wetter eigentlich fast unpassierbar. Je nach Windrichtung steht dort eine unbezwingbare See. Dazu kommen wandernde Sand- bänke, die die Navigation erschweren. Nur wenige Seg- ler tun sich diesen Gewaltakt an. Bei relativ gutem Wetter laufe ich ein.

Weiter geht es nach Cap- breton. Eine weitere Fluss- mündung stellt sich mir
in den Weg. Der Motor auf Anschlag, schafft es gerade einmal, den Bug in Position zu halten. Man kämpft sich voran.

31. Juli: Freiheit wohin? In die Arme einer Frau? Oder auf die nächste Welle? Nein, in die Arme der nächsten Welle werfich mich. Bug voran. Mit allen Segeln, Kompass, Fallen und Wanten. Bis zum Hals und über die Kimm. Deckssprung als Stoßgebet. Sonnenaufgang als Auferstehung. Rückkehr zum Alltag als Untergang. Ich bleibe Außerirdischer, Mond- kämpfer, Salzwasserschlucker und Pützscheißer. Volles Leben, leerer Tank. Gleißende Sonne, unbeschreibliche Wonne.

Ich erreiche San Sebastian, schlendere durch die Gassen, hinauf auf den Berg, genieße die Aussicht. Wie
in Rio oder Lissabon wacht auch hier eine Jesus-Statue über den Hafen.

1. August: Über den Hafen thront ein Heiliger aus Sandstein, langes Haar, Bart, ein Bild von einem Mann. Nur meine breiten Schultern
hat er nicht – gut, dafür gehen ihm aber auch meine kurzen Beine ab.Er steht da oben, amtet, zählt seine Schafe in der Bucht, viele weiße spanische Yachten und auch ein Schweizer Boot. Nein, nicht schwarz, nacht-blau ist es und goldgelb die Segel in der Nachmittagssonne.

Ich reise mit leichtem Gepäck. Wenig Stauraum bedeutet wenig Luxus. Kleidung brauche ich kaum, es ist ja warm und die Wäsche trocknet schnell. Meine Werkzeugkiste habe ich auf ein Minimum reduziert, auch die Küche ist sparsam bestückt. Das meiste Gewicht bringen die Segel an Bord. Leichtwindgarderobe, Code Zero, Gennaker. Und natürlich
die normale Besegelung mit einem kleinen Gennaker. Die Segel habe ich extra für diese Reise neu machen lassen.
Bei aller Abenteuerlust, auf das Material muss man sich verlassen können.

Kurz nach San Sebastian kommt mir eine Plastikplane in die Quere und verfängt sich in meinem Propeller. Vor Spanien treibt so einiges im Wasser.

Vor Santander steht eine große Welle voll gegenan. Mein Schiff hat einen Wende- winkel über Grund von 135°. Den ganzen Tag kreuze ich hin und her wie ein Irrer.

4. August: Unter der Dunstdecke der Wind, quält sich um die Felsen und in unsere Segel. Halbwind, auffrischen, reffen, aufkreuzen. Gewitter. Wolkenbruch. Wasser schöpfen. Regenbogen. Gleißende, goldene Straße auf dem Meer. Felsen. Groß. Grün.Dunstbehangen. Neue Wellen aus einer neuen Richtung. Die es vorher nicht gab. Ausreffen. Ich fühle mich wie das Ferkel auf seinem Spieß, drehe mich im Kreis und habe das Gefühl, mit meinen eigenen Händen das Feuer noch zu schüren, das mich gart und kross brät.

Am Ende des Tages habe ich 15 Seemeilen nach Westen gemacht und 35 Seemeilen geloggt. Auch ich bin am Ende.

In Gijón herrscht die ganze Nacht Festlärm. Ich bin ein großer Freund guter Musik, aber das hier ist zu viel. Betrunkene und Polizisten jagen sich um den Hafen. Ich bekomme kein Auge zu. Am Morgen werde ich unsanft aus der Koje geworfen. Neben mir knallt eine Yacht in den Steg, dass das Holz nur so splittert. Mir reicht es. Ohne Frühstück mache ich los und fliehe aus Gijón. Doch kaum komme ich aus der Deckung d es Hafens, packt mich eine ordentliche Böe. Riesen- wellen, Wind ohne Ende. Die Logge zeigt 6, 8, 11, 12 Knoten, weit über Rumpfgeschwindigkeit. Die Meilen schmelzen dahin, die Hände schmerzen, ich kann nicht mehr, doch ich lasse die Eilean mor laufen. Nach 67 Seemeilen ohne Pause, ohne Essen, ohne Sonnencreme erreiche ich Ribadeo. Meine Schweizer Flagge habe ich auf diesem Ritt verloren. Doch an Stärke habe ich ge- wonnen. Etwas Stolz, etwas Genugtuung macht diesen Abend feierlich. Ich bin da, bin noch da und das kleine, nachtblaue Boot auch.

Umkehr mit acht Tagen Reserve für schlechtes Wetter. Mein eigentliches Ziel, einen Portwein in Porto zu trinken, muss ich aufschieben. Ich komme wieder!

Mein 30. Geburtstag. Ich packe meine Geschenke aus und feiere im Stillen. Die Überfahrt von Bilbao ist mein Geschenk an mich selbst. Doch die stille Freude findet ein plötzliches Ende: ein Gewitter zieht auf mich zu. Ich hatte noch nicht in dieser Nacht damit gerechnet. Gerade hatte ich 80 Seemeilen hinter mir, noch etwas mehr als 80 lagen vor mir. Keine Chance, sich zu verstecken. Angespannt überlege ich, wie ich mich am besten vorbereite. Ich hole die wichtigsten Dinge aus den Backskisten und verklebe diese mit Tape. Ich wechsle die Batterien
in der Stirnlampe und halte mich bereit.

22. August: Ich bin dein. Dir, Sternhimmel gehör ich ganz. Jedem Stern eine Träne von mir. In jeder Träne ein Wunsch, der in Erfüllung geht, wenn die Träne auf den Decksplanken trocknet. Und ihm folgen noch

mehr Wünsche, gefasst in Tränen, die unter freiem Sternenhimmel ihren Weg in die Freiheit finden. Einmal mehr ohne Lachen mit stillem Ernst. Den Augenblick des Vergehens erfahrend, ohne Anstrengung, geschweige denn Schmerz. Manchmal fast gleichgültig, apathisch genießend. Wetterleuchten reißt die Nacht in zwei. Fliehe, du nasser Horizont. Verschone meine Planken, wo Tränen ihrer Erfüllung entgegen trocknen.

Langsam fließt die Gironde durch die Landschaft, vorbei an kleinen Fischerhäusern, die an langen Stegen auf hohen Stelzen im Wasser stehen, mit ihren Galgen und den daran hängenden Netzen, die in der Luft hängen, auf den nächsten Fang warten. Langsam ziehe ich Richtung Poulliac hoch, die Strömung läuft mit mir und nimmt mich mit. Vorbei an den Kirchtürmen, Weinreben und Schiffslandestellen, durch den leichten bedeckten Himmel gleißt die Sonne bruchstückhaft durch.

24. August: Eine schwüle Wärme ist dem Tag heute inne. Ich bekämpfe die Schwüle mit einem frisch gezapftem Bier und lasse den Nachmittag unter Baumalleen sitzend an mir vorüber ziehen.Zu meinen Füßen die Uferbepflanzung. Gras. Schilf. Dampferwellen durchkämmen die stillen Felder der Binsen, während die Wolken ihren Weg nach Südwesten beschreiten.

Die Reise nähert sich langsam dem Ende. Regen prasselt aufs Deck, als ich aufwache und in Royant ablege. Der Wind kommt aus West und die Strömung läuft ihm entgegen. Wellen türmen sich auf.

Mir kommen Segelyachten
entgegen, 40 Fuß-Schiffe
taumeln die Wellen hinunter
wie in einem schlechten ani
mierten Film. Und ich bin gerade mal ein Bruchstück von
 denen. Unter Motor und Fock 
laufe ich aus. Immer wieder
falle ich von den steilen
Kämmen ins nächste Wellental. Hinter der Tonne 2 biege ich ab und laufe parallel zum Ufer auf die Durchfahr zwischen der Ile d’Oléron
und dem Festland zu. Doch weder sie noch die Tonne
kann ich in den Wellen
richtig erkennen. Nur unter Fock macht die Eilean mor
sieben Knoten. Ich gerate in zu flaches Gebiet, die Wellen
beginnen zu brechen. Wasser
klatscht über mich und mein Schiff, spült ins Cockpit und drückt sich unter das Schiebeluk. Mein Cockpit ist nicht selbstlenzend. Bald sitze ich im Wasser und mein Motor auch. Für einen kurzen Moment klart der Himmel auf. Doch kaum habe ich durchgeatmet, sehe ich eine schwarze Wand auf mich zu rollen. Regen peitscht das Wasser und meine Haut. Augen zu und durch, denke ich mir, se- hen kann ich sowieso nichts mehr. Im Blindflug schieße ich durch die See. Nach 52 Meilen erreiche ich endlich La Rochelle. Ich bin fix und fertig. Im Hafen überholt mich eine 20-Meter-Yacht. An Bord: sieben Engländer in Ölzeug, mit Life-Belts gesichert. „What a hard day today!“ rufen sie mir zu. Ich schaue an meinen nassen Shorts herunter und denke: „wie wahr“. Am übernächsten Morgen lege ich zeitig ab und segle zur Ile d’Yeu. Auf einem Leihfahrrad erkunde ich die Insel.

29. August: In Saint- Sauveur steht ein Haufen schwarz gekleideter Menschen vor einer Kirche. Drinnen liegt Jean-Francois, Pierre oder Juliette in der Holzkiste vor dem Altar mit Blumenschmuck. Tränen werden mit Taschentüchern weggewischt, um den Gesichtern Anstand und Würde zu geben. Inselbeerdigungen sind nicht anders als andere auch. Auch wenn die Sonne so schön scheint. Es ist so herrlich, auf dem Fahrrad daher zu gleiten. Man kann so al- les denken. Dabei möchte ich gar nicht denken. Möchte nur dieses eine Leben austrinken. Sowie man ein kaltes Getränk austrinkt, mit dem Strohhalm, fest saugen, die Backen zusammen, spitzer Mund, bis man glaubt zu implodieren. Genauso gierig möchte ich saugen, auf das alles in meinen Erinnerungen Platz findet.

In Le Croisic liege ich an der Boje. Das Wasser strömt mit vier Knoten an mir vor- bei. Irgendwie schaffe ich es, bei stillem Wasser mit dem Schlauchboot an Land zu gelangen. Nach einem fürstlichen Abendessen suche ich den Weg zurück zu meinem kleinen Schlauchboot. Das Waser läuft bereits wieder aus dem Hafen hinaus. Jetzt heißt es zielen. Ich nehme Peilung auf die Eilean mor, werfe das Schlauchboot
ins Wasser und schwinge mich hinein. Ich paddle so sehr ich kann und mit viel Kraft und noch mehr Glück bekomme ich mein Boot zu fassen, bevor mich die Strömung daran vorbei schiebt. Einen meiner letzten Abende verbringe ich auf der Belle Ile. Der schönen Insel.

3. September: Während hier der Septemberregen aufs Dach trommelt und es vor dem Hafen rotgrün blinkt, findet die letzte Dose spanisches Bier
 ihre Erfüllung in meinem Rachen. Kleine Welt, bist du groß! Verlass mich nicht, ich brauch’ dich um glücklich zu sein.

Als ich erwache, gießt
es in Strömen. Der Wind
zerrt an meinem Boot, den Festmachern, die unter der Last ächzen. Es gibt keinen Grund, warum ich mich nicht noch mal etwas fester in
die Wolldecke wickeln soll. Eine unbändige Müdigkeit übermannt mich, die droht, mich das Ende meiner Reise verschlafen zu lassen. Um dem Ende eins auszuwischen. Reise ohne Ende. Einfach durchschlafen. Vielleicht bis zum Horizont. Immer wieder da sein wo ich wirklich bin. So wie jetzt. Mit der Großschot und der Pinne in der Hand. Graue Wolken am Himmel und Schaumkronen auf den Wellen.

Am 5. September, nach 43 Tagen, bin ich zurück in Vannes.

Der Himmel überläuft vor schweflig gelb-grauen Wolken. Apokalyptisch schweben sie dahin. Über die roten Schornsteine der Stadthäuser nach Südost ins Land ziehen sie. Ich werde ihnen folgen. Morgen oder übermorgen. Das letzte bisschen Atlantik trocknet von Eilean mors Planken. Nur eine Frage bleibt noch ans Meer: weißbezahnter Horizont, kann es sein, dass du mich vermisst? Ich wollt‘ ich wär versöhnt mit allem, das ich misst‘. Welche Welle streicht meinen Rumpf? Welche Gischt nässt mein Haar? Wenn ich nicht mehr am Vordeck knie, was meine Heimat war. Wer kann’s verstehen, der nicht selber litt, und brach das harte Brot von drei Knoten zwischen Böe, Schaumkamm und Abendrot.

 

 

 

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .