Seenot im Hallenbad

Posted by in Britta macht... on Mi. Dez. 2011

Seenot im Hallenbad

„Den Seenotfall erleben und trainieren ohne in Gefahr zu geraten.“ Getreu dem Motto des Sicherheitsseminars des Kreuzer Yacht Clubs habe ich den Ernstfall im Ausbildungszentrum Schiffssicherung der Marine in Neustadt/Holstein geprobt.

Ein Schwall Wasser spritzt mir durch den Einstieg der Rettungsinsel direkt ins Gesicht. Ich versuche, die rote Plane so gut es geht zuzuhalten und bin froh, mich auf eine Aufgabe konzentrieren zu können. Den Kopf beschäftigen, nur nicht an das stete Auf und Ab denken, das flaue Gefühl im Magen ignorieren. In der Insel ist es warm und stickig, zu zehnt drängen wir uns auf den wenigen Quadratmetern rettenden Gummischlauchs. Die Wellen werfen uns hin und her. Angst vor Körperkontakt? Fehl am Platz. Hoffentlich endet das bald, hoffentlich erlöst uns bald jemand.

„Wenn Sie nach Hause gehen, werden Sie eins gelernt haben: Die Rettungsinsel ist Ihre wirklich letzte Möglichkeit. Da springen Sie als allerletztes hinein.“ Erst nach dem Vollwaschgang in der Insel ahne ich, was unser Kursleiter mit seinen Worten meinte. Zwei Tage Sicherheitsseminar des Kreuzer Yacht Clubs im Ausbildungszentrum der Marine in Neustadt/Holstein – Feuer löschen, Lecks abdichten, Rettungsinsel entern… Seit vielen Jahren bietet die Marine ein spezielles Training für Segler, fast immer ausgebucht. Doch was lernt man da eigentlich? Kann jeder mitmachen? Und lohnt sich das überhaupt?

Um das herauszufinden, nehme ich teil. Auf der Hinfahrt schon bin ich gespannt und ein wenig nervös – die Geschichten der Kollegen über ihre Erfahrungen beim Test von Rettungsinseln (siehe Heft 5/2008) noch im Ohr. Auf dem Kasernenparkplatz steht Kapitänleutnant a.D. Otto Stoehr, ganz zivil, ein Mann klarer Worte. Liebevoll schonungslos erwartet er als Kursleiter von uns in den kommenden zwei Tagen vollen Einsatz. „Ab in die Unterkünfte, Gepäck abstellen. Fünf Minuten. Warme Kleidung, Badesachen, Gummistiefel.“ 36 Leute haben vor ihm im Halbkreis Aufstellung genommen – von der Familiencrew, die extra für das Sicherheitstraining aus Süddeutschland anreiste, der Sohn vermutlich knapp über dem Mindestalter und mit Abstand der Jüngste in unserem Kreis. Bis zum Küsten-Käpt‘n mit vielen Seemeilen auf dem Salzbuckel. Mit nur fünf Frauen ist die Weiblichkeit fast ebenso unterrepräsentiert wie die Jugend. Eine bunte Mischung aus Charterern und Eignern, Binnen- und Seeseglern. Erfahrungen werden ausgetauscht: Mein Revier, meine Crew, mein schlimmstes Erlebnis. Wer selbst noch nie in Seenot war, kennt aber mindestens einen Fall aus der mal mehr und mal weniger fernen Vergangenheit. Ich bin überrascht, alle sind schon vor dem Kurs von der Wichtigkeit der Schwimmweste und einer guten Ausrüstung überzeugt. Den Ernstfall geprobt hat aber noch niemand.

In zwei Gruppen geteilt, geht es zur ersten Praxisübung. Paare und Stamm-Crews trennt Otto Stoehr bewusst, um eingefahrene Rollenverteilungen aufzubrechen. Für meine Gruppe heißt es als erstes: Feuerlöschen. Ein Film, eigentlich zur Ausbildung von Feuerwehrkräften, klärt uns über verschiedene Brandklassen und Löschmittel auf und zeigt die richtige „Herangehensweise“: geduckt und seitlich sollen wir uns der Flamme nähern. Dann geht es schon los. Wir bekommen Marine-Blaumänner, Staubschutz- und schwarze Skimasken verpasst und versammeln uns, verkleidet wie eine Bande Bankräuber, in der Löschhalle. Die Maske drückt, die Atmung fällt schwer, meine Gruppenkollegen sind absolut nicht mehr ausein-ander zu halten. Langsam gewöhne ich mich an meine Maskierung und kann mich auf die Übungen konzentrieren. Wir löschen zuerst mit CO², später mit Pulverlöschern. Ein Streichholz fliegt durch die Luft, das Feuer lodert. Ich schnappe mir den 20-Kilo-Löscher. Geduckt schleiche ich mich an die Flamme heran, ziele und drücke ab. Ein weißer Strahl CO2 schießt aus der Öffnung. Ich lösche eine gefühlte Ewigkeit, das Feuer will nicht ausgehen. Bei den anderen ging das doch ganz schnell? Ein anderer Teilnehmer versucht den Brand mit einem Sechs-Kilo-Gerät zu löschen. Er verschießt sein gesamtes Pulver in nur 20 Sekunden, die Löscher an Bord sind meist noch kleiner. Wer da nicht genau zielt, kann ebenso gut das Feuer auspusten…

Beim Verlassen der Löschhalle schlägt uns kalte Meeresluft entgegen. Schnell die Masken ab – herrlich. Nach einer kurzen Pause werden uns verschiedenste Wege der Leckabdichtung vorgestellt. Für jeden Borddurchlass sollte der passende Stopfen an Bord sein, für eventuelles Leckschlagen sollte man sich über mögliche Abdichtungsmaterialien an Bord im Klaren sein. Ist das Leck erstmal gefunden heißt es: Nutze, was nicht niet- und nagelfest ist. Polster aus dem Salon, Bodenbretter oder der Spibaum, alles kann zum Einsatz kommen. Das sollen wir jetzt mal probieren. Also wieder ab in den Blaumann, diesmal aber mit Badeanzug und dafür ohne Vermummung. Dann stehen wir in der nächsten Halle. Der Nachbau eines Metallrumpfes erwartet uns, in kleinen Gruppen kämpfen wir gegen das einströmende Wasser. Als Zuschauer erscheint alles furchtbar einfach, die Fehler der Anderen sind offensichtlich. Dann stehe ich selbst im Rumpf. Das Wasser dröhnt durch die Löcher, ich verstehe kein Wort mehr, Hektik kommt auf, Kommunikation ist damit ausgeschlossen. Am Ende der Übung überall erschöpfte, ratlose Gesichter. Der Druck, mit dem das Wasser durch die Löcher schießt, hat alle überrascht, trotz bester Vorbereitung fühlten wir uns alle hilflos.

Zum Glück ist jetzt Feierabend. Umgezogen und trocken geföhnt sitzen wir wenig später in der Offiziersmesse bei Schweinebraten und Kohlrabigemüse. Mit Bier, Wein und Apfelschorle lassen wir den Abend ausklingen und diskutieren die Eindrücke des ersten Seminartages. Sollte man sich lieber größere Feuerlöscher zulegen? Wer hat schon Leckpropfen in fünf verschiedenen Größen zu jedem Borddurchlass? Sollten wir vielleicht eine Backskiste weniger mit Proviant und dafür mit Rettungsmitteln füllen? Ein Teilnehmer erzählt, er habe stets eine wasserundurchlässige Tasche mit Leuchtmitteln, einem Handy, etwas Proviant und all seinen Wertsachen griffbereit im Cockpit liegen. Sollte er in Seenot geraten, müsse er nur die Tasche und die Rettungsinsel greifen und wäre in Sicherheit. Ein guter Plan, denke ich, eine bequeme Alternative zum anstrengenden Kampf gegen eindringendes Wasser oder loderndes Feuer.

„Sie werden merken, dass Sie da als letztes reinspringen wollen.“

Nach einer viel zu kurzen Nacht im knarrenden Kasernenbetten geht es am Samstag um sieben Uhr zum Frühstück, wenig später versammeln sich alle in der Schwimmhalle. Heute stehen der Umgang mit Signalmitteln, die Behandlung von Unterkühlten, Rettungswesten und endlich auch die Rettungsinseln auf dem Lehrplan. Doch Otto Stoehrs Worte hallen noch im Ohr: „Sie werden merken, dass Sie da als letztes reinspringen wollen.“

Jetzt, in der Insel, glaube ich ihm nicht nur, ich weiß, dass er Recht hat. Trockenen Fußes sind wir vom Beckenrand in die Rettungsinseln geklettert, die im künstlichen Seegang schwanken. Der alte Spruch: „Man sollte immer vom sinkenden Boot in die Insel hochsteigen“ wird uns später mehr als klar. Seit einer gefühlten Ewigkeit sitzen wir in der stickigen Insel. Etwas Licht dringt durch das orangerote Zeltdach, es ist warm, die Luft schnell verbraucht. Mit der Fangleine werden wir in die Brandung gezogen. Ein Meter brechender Welle – im Marinebecken geht es deutlich wilder zur Sache, als in einem normalen Wellenbad. Spaßig, wenn man auf einer Segelyacht sitzt – die reinste Achterbahn in der Rettungsinsel. Meine Mitinsassen reißen zotige Witze, in einer anderen Insel wird gesungen. Man tut was man kann, um sich abzulenken. Ich halte den Eingang zu. Ab und zu öffne ich ihn ein wenig, um frische Luft herein zu lassen. Draußen steht einer von Otto Stoehrs Helfern in Badehose in knietiefem Wasser und hält unsere Fangleine. Ein bizarrer Anblick, hier drin fühle ich mich wie verloren auf der Nordsee.

Fünfzehn Minuten später wird unsere Insel festgemacht. Wir sind „gerettet“. Über eine Strickleiter geht es eine vier Meter hohe Wand hinauf. „Stellt euch vor, ein Frachter hat euch aufgelesen, das hier ist die Bordwand.“ Oben angekommen bleibt nur wenig Zeit zum Verschnaufen. Während ich in so manches grüne Gesicht gucke, verkündet Otto Stoehr, dass unser Rettungsschiff nun leider selbst sinke und wir alle schnellstmöglich von Bord müssten. Uns bleibt nur der Sprung ins Wasser, vier Meter unter uns. Mit einem beherzten Schritt in den Abgrund fallen 36 Kursteilnehmer nacheinander ins Becken. Jetzt zeigt sich die Auftriebskraft einer guten Schwimmweste. Sobald meine Füße das Wasser berühren, löse ich meine Weste aus. Ich tauche erst einmal senkrecht unter Wasser, um dann sofort mit unglaublicher Auftriebskraft wieder nach oben zu schießen. Ich schnappe nach Luft und brauche erst mal einen Moment zur Orientierung. Dann schwimme ich zu den anderen, die in der Beckenmitte einen Kreis gebildet haben. Um in den Wellen nicht auseinander zu treiben, halten wir uns gegenseitig an den Händen oder Westen fest.

Da die Marinewesten größtenteils für Soldatenkörper ausgelegt und die in der Regel etwas kräftiger sind als ich, ist mir meine Weste um den Bauch zu weit. Außerdem habe ich keinen Schrittgurt. Sobald ich aufhöre mit dem Beinen zu paddeln und mich absinken lasse, habe ich das Gefühl, mir würden Kreuz und Genick gleichzeitig gebrochen. Ich bin froh, als wir das Wasser verlassen können.

Für die nächste Übung können wir unsere eigenen Westen einmal in Kombination mit unserem eigenen Ölzeug ausprobieren. Viele der Teilnehmer haben ihre eigene Weste noch nie genutzt und nehmen diese Gelegenheit gern an. Diesmal habe ich eine passende Weste mit zusätzlichen  Schimmkörpern, einem Schrittgurt und Spraycap. Mehr Komfort geht nicht. Wie in Abrahams Schoß treibe ich durch die Wellen.

Mit den ausgelösten Westen und nassem Ölzeug sollen wir uns jetzt aus dem Wasser in die Rettungsinseln hieven. Schnell wird klar, warum der trockene Weg vom Deck des Schiffes in die Insel der bevorzugte sein sollte. Nicht nur dass es unheimlich kraftraubend, wackelig und glitschig ist, aus dem Wasser in die Insel zu gelangen, das nasse Ölzeug befördert unglaublich viel Wasser mit in die Insel, die Gefahr des Auskühlens ist einfach zu groß.

Ich bin geläutert. Eine Rettungsinsel ist wichtig und an Bord ein Muss. Aber darin auf dem offenen Meer zu treiben ist kein Spaß. Gut, dass ich jetzt Lecks abdichten und Feuer löschen kann.

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