Der Fluss ist das Ziel

Posted by in Britta trifft... on Di. Dez. 2011

Der Fluss ist das Ziel

Im Juli führte mich ein Termin nach Hanau an den Rhein. Dort traf ich Giacomo, Fine und Bruno vom Projekt man on the river. Eine unglaublich spannende und tolle Sache. Mit einem Wikinger Segel-/Ruderboot, oder wie ich sagen würde, in einer Nussschale, rudern und segeln der Italiner, die Deutsche und der Brasilianer von London nach Istanbul. Bei unserem Treffen hatten wir leider überhaupt keinen Wind. Mal so gar nicht. Aber so durfte ich an die Riemen. Davongetragen habe ich ein wenig Muskelkater in den Armen und eine tolle Geschichte fürs nächste segeln-Heft:

Du bist doch verrückt, sagten seine Freunde, viel zu gefährlich, sagten seine Ärzte. Trotzdem machte sich Giacomo De Stefano mit seinem Wikingerschiff auf die Reise: 5.200 Kilometer, 15 Länder, sechs Monate in einer Nussschale. Tag und Nacht. Von London nach Istanbul. „Natürlich bin ich verrückt“, sagt er.

„That is fantaaastic!“ ruft Giacomo De Stefano immer wieder, wild gestikulierend, die Betonung auf der letzten Silbe, das A in die Länge ziehend. Seine Augen strahlen unter dem großen Strohhut hervor, um sie haben sich unzählige Lachfältchen versammelt.

Von dem frisch aufgebrühten Jasmintee ist er genau so begeistert wie von der Sonne, die heute endlich einmal scheint, dem Main, der so überraschend sauber ist und den Menschen, denen er auf seiner Reise schon begegnet ist. Fantastisch das alles und jeder einzelne. Der Italiener ist seit gut drei Monaten auf dem Wasser unterwegs, über 1.000 Kilometer hat er schon in seinem Ruder- Segler Clodia hinter sich gebracht – von London bis nach Frank- furt – um an das Umweltbewusstsein der Menschen zu appellieren. „Man on the river“ heißt sein Projekt schlicht, Mann auf dem Fluss. Insgesamt wird er mit Hilfe verschiedener Unterstützer 5.200 Kilometer in seinem Boot zurücklegen. Durch 15 Länder, von London nach Istanbul. De Stefano ist ohne Geld unterwegs. Nahezu. Der eigentliche Plan war es, eine Null-Budget Reise zu machen. Doch schnell musste De Stefano feststellen, dass es ganz ohne nicht geht. Gebühren für den Liegeplatz, für Schleusen und nicht zuletzt Lebensmittel müssen dann doch bezahlt werden.

Viel bekommt der charmante Italiener jedoch auch geschenkt. Segel- und Ruderclubs laden ihn ein, zum Bleiben, zum Essen, zum Erzählen. Seine Bezahlung sind seine Geschichten, die er in einer Mischung aus Englisch, Italienisch, vereinzelten deutschen Wörtern und viel Hand und Fuß-Einsatz erzählt. Und seine Begeisterungsfähigkeit. Wo immer er ablegt, lässt er neue Freunde zurück. Auf seiner Reise geht es dem Italiener um Kommunikation, den Austausch mit anderen Menschen.Unterstützt wird er dabei von wechselnden Begleitern. Zur Stammcrew gehören der erfahrene Skipper Bruno Porto aus Brasilien und dessen deutsche Frau Josephine Schaumburg. Sie steuert das Begleitboot Serena, das den beiden nicht nur als Schlafplatz dient, sondern vor allemdas Equipment eines Dokumentarfilmers transportiert, der das Projekt immer wieder ein paar Tage begleitet.Entlang der Strecke steigen auch immer wieder andere Helfer zu, um das Projekt eine  Stunde, einen Tag oder eine Woche lang zu begleiten.

Bereits 2009 hat De Stefano eine ähnliche Reise unternommen. Unter dem Titel „Un altro Po“ fuhr er auf einem baugleichen Schiff wie der Clodia von seiner Heimatstadt Venedig aus den Po hinauf, begleitet von einem Kamerateam des italienischen Fernsehens. Die nächste Reise sollte länger sein. Sein damaliges Boot war nur geliehen, es musste ein eigenes her. Von einem Freund, dem Bootsbauer Roland Poltok, ließ er die 19-Fuß Ness Yawl an- fertigen, ein Schiff, ähnlich den Fischerbooten der Wikinger, die auch heute noch von Fischern auf den Shetland Inseln genutzt werden. Das Besondere der Clodia: Ihr Holz stammt von alten Balken eines venezianischen Hauses. Als es abgerissen wurde, sicherte sich De Stefano die stabilen Mahagonibalken und ließ daraus die Planken für sein Schiff fertigen. Das Projekt ist ein Gesamtkunstwerk. Schon die Entstehung des Schiffes war spektakulär. Gebaut wurde es nicht in einer normalen Werft, sondern im Ausstellungsraum eines italienischen Designers. Ein Cello-Konzert im fertigen Rumpf gab dem Schiff die richtigen Schwingungen.

Klingt alles etwas verrückt? Giacomo De Stefano lacht. Na türlich sei er ein bisschen verrückt. „Se no i xe matti no li volemo!“ – Wenn sie nicht verrückt sind, wollen wir sie nicht, sagt man in Venedig. Und auch für diese Reise muss man ein bisschen verrückt sein. In der offenen Nussschale überquer- ten Giacomo und Bruno den Englischen Kanal. Giacomo lebt und schläft an Bord. Eine LKW-Plane über den Baum geworfen ergibt ein Zelt, in dem Giacomo kocht und schläft. Nach einer schweren Lungenentzündung im letzten Jahr rieten ihm die Ärzte dringend von dem Unternehmen ab. Doch Giacomo war nicht zu stoppen. Der Plan wurde lediglich ein wenig geändert und Bruno als Co-Ruderer an Bord geholt. Einmal im Monat sucht Giacomo einen Arzt auf und lässt seine Werte checken. „Mir kommt es vor, als mache ihn die Reise nur stärker“, sagt Josephine Schaumburg. „Ich bin mir nicht sicher, ob er noch leben würde, wenn er nicht gefahren wäre.“

Die Natur scheint seine Lebensgeister jeden Tag zu wecken, jedes Hindernis motiviert ihn umso mehr. „Mich haben vor allem die Nein-Sager dazu getrieben, es zu tun“, erklärt er. Die Organisation des Projektes war schwierig, auf der Suche nach Unterstützern hat Giacomo mehrere Tausend Kilometer zurückgelegt. Mit dem Fahrrad und der Bahn, versteht sich. Autos lehnt er ab. Jedes „Nein“, das er auf seine Anfragen er- hielt, spornte ihn noch mehr an: „Die Helfer sind sehr wichtig und haben Großartiges geleistet. Aber die Nein-Sager haben mir die eigentliche Stärke gegeben. Ich konnte mir nicht vor- stellen, dass es so eine große Ignoranz gegenüber dem Wasser gibt.“ Aber verstehen kann er sie auch. „Ich habe nicht um Geld gebeten, sondern um Hilfe. Geld zu spenden ist einfach. Aber Hilfe, Unterstützung, das kostet Zeit. Ich verstehe dieses Nein daher sehr gut.“

Das ungewöhnliche Schiff und seine Crew fallen auf. Überall wo sie festmachen, kommt der kontaktfreudige Italiener mit den Menschen ins Gespräch. Am Anfang seien sie immer nur am Abenteuer interessiert, wollten spannende Geschichten hören, von Stürmen und großen Wellen. „Ihnen gefällt das Epische“, meint De Stefano. Doch meistens muss er sie desillusionieren. „Wir segeln nicht auf dem Atlantik, in den Roaring Fourties oder Howling Fifties. Auf dem Fluss ist es anders.“ Doch vor den Fluss hat die Route den Kanal gesetzt. An einem Morgen im Mai rudern Giacomo und Bruno mit ihrer Nussschale aus dem Hafen. Strömungen, Wellen, Untiefen und vor allem die Kanalfähren und Containerschiffe machen den beiden Sorgen. Sie müssen die Fahrrinne in einem 90 Grad Winkel queren, doch genau hier dreht der Wind und drückt gegenan. Auch wenn sie es aus eigener Kraft schaffen wollen, sie müssen sich schleppen lassen. Die letzten zwölf Meilen vor der französischen Küste versöhnen dafür umso mehr: Der Wind dreht wieder und Wellen und Strömung schieben die Clodia mit sportlichen sechs Knoten Geschwindigkeit an die französische Küste. Fantastisch, findet Giacomo.

Es gehe jedoch nicht um das Abenteuer oder die „Performance“, die, so muss Giacomo zugeben, auch nicht immer die beste ist. Kurz vor Straßburg rudert er auf dem Ill, mit an Bord ein Gast, Kalle aus Deutschland. „Eine mediterrane Hitze umhüllte uns. Vielleicht war es das, oder unsere angeregte Unterhaltung, oder die Fischer, die uns vom Ufer zuwinkten“, schreibt Giacomo in seinem Blog. Unter der letzten Brücke, nachdem sie bereits 700 andere passiert haben, stoppt Clodia plötzlich. „Ich hörte ein schreckliches krraaaax“, drehte mich um und sah Kalle mit weit aufgerissenen Augen, mit einer Hand den Mast abstützend, der fast auf mich fiel. Ich, der immer predigt, wie wichtig es ist aufzupassen, habe mich so leicht ablenken lassen!“

Giacomo möchte mit der Reise einen Austausch erreichen. „Wir wollen die Aufmerksamkeit nicht auf uns ziehen, die verrückten Typen, die in dem kleinen Boot rudern. Überall bleiben die Leute stehen und gucken. Fragen, wer wir sind, was wir machen. Das Boot ist fantastisch, es ist wunderschön. Mit einem anderen Boot, nur mit der Serena, wäre es nicht das Gleiche. Die Schönheit ist wichtig.“ Doch die Aufmerksamkeit wollen sie auf das Wasser lenken. „Viele Wasserwege werden heute sich selbst überlassen oder kanalisiert und industrialisiert, verschmutzt und vergiftet“, sagt der Italiener. „Wir sollten wieder mehr auf das Wasser achten.“ Ein ausgewogenes Miteinander zwischen Mensch und Natur, das wünscht er sich. „Ich möchte, dass die Menschen wieder aufs Wasser gehen, segeln. Frankfurt war die erste Stadt, in der wir segelnde Menschen getroffen haben. Es war fantastisch. Eine Überraschung. Auf dem Po segelt kein Mensch! Und wir wollen die Menschen wieder dazu bringen, einfach und langsam zu reisen. Das ist sehr erfüllend.“

Als dritten Vorsatz hat sich der Italiener vorgenommen, die örtliche Wirtschaft zu nutzen. Beim nächsten Bauern einkaufen, Menschen und Kulturen kennenlernen. „Ich lebe in Venedig. Ich kenne die Folgen von rücksichtslosem Massentourismus. Es gibt aber Möglichkeiten, konstruktiver zu denken. Wir müssen auch an zukünftige Generationen denken. Das ist ein recht abgenutzter Slogan heutzutage. Aber es stimmt.“ Giacomo zeigt, dass es möglich ist, die Natur zu respektieren und mit wenig Mitteln zu reisen. „Natur zurück zum Menschen, Mensch zurück zur Natur. Mensch zurück zum Menschen. Für einen neuen Menschen“, erklärt er wortreich, das Englisch von einem charmanten italienischen Akzent durchsetzt und voller mitreißender Begeisterung. De Stefano will eine neue Form von Energie spüren. Die eigene Energie, aus der man et- was Positives schaffen kann. Und von dieser Energie versprüht er viel. „Ich bin 45, bald 46. Ich bin nicht besonders stark, besonders intelligent oder clever. Ich habe beschlossen dies zu tun, weil ich nicht allein bin. Wäre ich allein auf der Welt, könnte ich machen was ich wollte. Aber das bin ich nicht. Und das merke ich auf der Reise. Wie viele andere Menschen da sind. Und jeder kann mitmachen.“

Er reist mit einer Minimalausstattung. An Bord: ein paar Taue, ein Messer, Reparaturset für Segel und Holz, Karten, Anker. Für den persönlichen Komfort braucht er lediglich einen kleinen Herd, Schlafsack und Mückennetz. Die Matratze nahm zu viel Platz weg, erzählt Bruno. Giacomo schnitt einfach einen guten Meter am Ende ab, mit der Erklärung, die Füße müssten ja schließlich nicht bequem liegen. Ein kleines Solar-Panel sorgt für genügend Strom, um Handy und Laptop aufzuladen.

Ganz auf Technik verzichten kann der „Man on the river“ dann doch nicht. Regelmäßig bloggt er im Internet über sein Projekt und hält Kontakt zu Freunden und Unterstützern. Kommunikation ist ihm spürbar wichtig. Die Einträge in seinem Internet-Tagebuch sind lang und voller Anekdoten über die Menschen, die ihm unterwegs begegnen. Sie alle werden zu einem Teil der Reise, egal wie viel Zeit man hatte, sich kennen zu lernen. Für Giacomo ist es oft zu wenig Zeit.

In Frankfurt kommt er auf dem Weg zum Bäcker mit einem makrobiotischen Koch ins Gespräch, interessiert lauscht er den Lebensphilosophien des Mannes, lässt sich einen Ernährungsplan erstellen. Und vergisst darüber die Zeit. „Ein fantastischer Mensch. Er hat mir wundervolle Tipps für meine Ernährung gegeben“, rechtfertigt De Stefano seinen Abstecher. „Ich würde gern zurückfahren und mehr erfahren, über diesen makrobiotischen Lebensstil, der dem Wasser sehr verbunden ist. Aber ich habe nicht die Zeit dazu.“ Drei Stunden später als geplant verlässt er auf seiner Clodia den Hafen.

Auf dem Main begegnet er einem „Sandolo“, einer typisch venezianischen Gondel samt Besatzung. Grund genug, einen kleinen Stopp einzulegen und zu plauschen. Keine hundert Meter weiter liegt das Imbiss-Schiff Istanbul. „Rate mal, wohin wir segeln“, ruft Giacomo dem Besitzer zu, und schon werden die drei auf eine selbst gemachte Limonade eingeladen. Die Zeit verstreicht, das Ziel für die Nacht ist noch weit. Bis in den späten Abend hinein müssen sie bei wenig Wind und viel Regen rudern.

Völlig durchnässt und erschöpft erreichen sie Hanau. Und der Italiener ist mal wieder begeistert: „Es war anstrengend, aber auch wunderschön. An diese Tage erinnert man sich doch am längsten. Sonnenschein hat man oft. Aber in ein paar Jahren werden wir sagen: ‚Erinnerst du dich noch an diesen Tag, als wir wie die Verrückten rudern mussten? Im Regen?‘“

Seine Begleiter können da nicht immer mithalten. „Er muss nur jemanden auf einem Schiff nebenan entdecken, zwei Minuten später sitzt er dort unter Deck und trinkt Kaffee“, sagt Bruno. „So kommen wir nie in Istanbul an.“ Das sei doch auch nicht wichtig, unterbricht De Stefano. „Es sollten mal 180 Tage sein, aber es ist unmöglich es so zu machen. Man verliert viel zu viel. Ich bin nicht besonders an Punkt A und Punkt B interessiert, also an London und Istanbul. Viel mehr an dem dazwischen. Das ist der Unterschied zwischen einem Flugzeug und unserer Reise. Wir fahren sehr, sehr langsam und haben viel Zeit, nach rechts und links zu schauen, Menschen kennenzulernen.“ Der Weg ist das Ziel.

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