Ein Mann mit Geschichte

Posted by in Britta trifft... on Di. Nov. 2011

Ein Mann mit Geschichte

Der segeln-Award 2009 für das Lebenswerk ging an eine wahre Segellegende. Zusammen mit meiner Kollegin Lina traf ich ihn vor der Veranstaltung im Hotel Hafen Hamburg: Rollo Gebhard über die Jagd nach seglerischen Höchstleistungen, die gefährlichsten Regionen der Erde und seine Anfänge mit der Autokarte auf der Adria.

Herr Gebhard, war es früher einfacher, zu einer Weltumsegelung aufzubrechen?
Einfacher? Früher? Was soll heute nicht einfach sein, wenn Sie losfahren?

Wenn Sie von Ihren Weltumsegelungen erzählen, klingt es immer sehr leicht: Sie sind einfach losgefahren.
Es liegt mir eben nicht, aus den alltäglichen Dingen ein Drama zu machen.

Ist es für Sie also alltäglich, ins Unbekannte aufzubrechen?
Loszufahren aus einem Hafen ist eigentlich ein alltäglicher Vorgang. Und woes dann hingeht, habe ich lieber nicht gesagt, sonst hätte es mir am Ende jemand verboten, so wie der Niederländerin auch.

Sie spielen auf die 14-jährige Laura Dekker an, die den Rekord alsjüngste Weltumseglerin brechen will. Zurzeit versucht sich daran die 16-jährige Jessica Watson. Hatten Sie selbst mit Ihren Törns Ähnliches im Sinn?
Ich habe einmal einen Rekord unwissend aufgestellt, als ich das erste Mal über den Atlantik gesegelt bin, von den Kanaren rüber nach Barbados. Die Strecke habe ich in 30 Tage geschafft, und für ein Boot dieser Größe war dies ein Rekord. Meine Solveig II war nur 5,30 Meter lang. Anders als diese Sechzehnjährige wollte ich niemals einen Rekord aufstellen. Es hat mich nicht gereizt, möglichst schnell über einen Ozean zu kommen. Ich glaube, dann hätte ich nicht gerade ein Segelboot genommen. Und wenn schon Segelboot, dann nicht so ein kleines.

Mit dieser Tour sind Sie weltberühmt geworden…
Ja, auf eine abenteuerliche Art: Von Antigua aus bin ich auf eine ganz kleine Insel gesegelt, die hatte noch nicht mal einen Hafen, das kleine Boot habe ich einfach auf den Strand getragen. Auf einem Wanderweg, auf dem ich unterwegs war, begegnete mir ein junges Paar. Es war der Karikaturist Thomy Ungerer mit seiner Freundin. Als er das Schiffchen sah, das wirklich die Größe eines Ruderbootes hatte, sagte er: „Du bist verrückt. Du bist nicht normal. Ein normaler Mensch macht so etwas nicht. Du solltest weiter segeln nach New York, da sind die ganzen Verrückten.“ Ich sagte zu Thomy: „Ich würde gerne nach New York segeln, aber ich habe noch ein Geschäft in Garmisch, und das will ich nicht aufgeben.“ Auch hatte ich mir nur ein Jahr Urlaub erlaubt. Schließlich einigten wir uns darauf,  dass sein damaliger Verlag Time & Life die Verschiffung der Solveig nach Deutschland übernimmt und ich dafür in New York ein Interview gebe. Das war die große Wende in Sachen PR. Die New Yorker Zeitungen und Segeljournale, die haben sich ja geradezu überschlagen, als ich in New York angekommen war.

Ihr einziger Einwand gegen die Reise nach New York war also, dass Ihr Urlaub zu Ende war? Hatten Sie keine Angst vor dem Bermuda-Dreieck?
Das Bermuda-Dreieck war nicht die schwierigste Segeletappe der Fahrt. Der Passat von den Kanarischen Inseln rüber in die Karibik, der war schon bedeutend stärker gewesen. Ein Segler in Las Palmas, wo ich gestartet bin, hatte mich gewarnt: „Du brauchst dir nichts denken. Du wirst eine Menge Wasser sehen, aber sonst nichts. Du wirst niemals einen Sturm bekommen auf der Strecke, aber der Passat ist kein laues Lüftchen.“ Im Bermuda-Dreieck schließlich war nichts besonderes. Es war nur ein bisschen unangenehmes Wetter.

Auf Barbados sind Sie mit der Slocum-Gesellschaft in Kontakt gekommen. War Ihnen Joshua Slocum vorher ein Begriff?
Ja. Als ich mit einer Jolle durchs Rote Meer segelte, war ich in Alexandria in einem großen englischen Yachtclub. Und da hing an der Wand ein Foto von Joshua Slocum. Ich fragte die Clubmitglieder, wer das sei.  – „Was, du kennst den nicht? Das war der erste, der allein um die Welt gesegelt ist.“ Ich habe noch heute zwei Bücher von ihm. Durch die „Begegnung“ mit Slocum ist mir überhaupt erst klar geworden, was man mit einem Segelboot überhaupt machen kann, allerdings nicht mit einem kleinen.

Joshua Slocum hatte zur Zeitmessung für die Navigation nur einen Wecker. Auf Ihrem 5,60-Boot hatten Sie sicherlich auch nicht viel mehr dabei.
Ich habe nicht einmal einen Wecker gehabt, sondern nur eine Armbanduhr, und das war’s. Und natürlich einen Sextanten. Den habe ich heute noch. Und der ist ein ganz wichtiges Stück von mir.

Auch in Sachen Wache gehen konnten Sie sich auf Ihren Alleinfahrten ausschließlich auf Ihre Sinne verlassen.
Ich hab in diesem Punkt nie Angst gehabt. Ich musste mir ja, als ich die Atlantik-Überquerung machte, vom ersten Tag an darüber im klaren sein, dass ich das Boot mit Selbststeuerung fahren lassen muss. Die Selbststeuerung habe ich selber konstruiert, indem ich die Pinne mit der Nock von der Fock verbunden habe, das war alles. Diese selbst gebaute Konstruktion hat mich besser gesteuert als alle Windfahnen-Konstruktionen und Elektronik. Bei meinen Alleinfahrten gab es ja sowieso nur die Möglichkeiten: Schlafen und das Boot sich selbst überlassen oder eben nicht den Ozean überqueren. Daher habe ich mir vom ersten Tag an ganz klar gesagt: Du musst nachts schlafen! Und es ist lange Zeit gut gegangen. Bei der zweiten Weltumsegelung bin ich kurz vor der Ankunft in der Karibik tatsächlich mit einem Tanker zusammen gestoßen, hab’s aber überlebt, wie Sie sehen (lacht).

Woran scheitern die meisten Versuche, die Welt zu umsegeln?
Außer am Schlafmangel? Entweder an mangelnder Erfahrung mit dem Windsystemen. Oder, und das ist noch häufiger gewesen: Die Segler, die gescheitert sind, hatten alle ein größeres Boot mit einem Motor und damit auch Elektrizität. Damit kamen sie nicht klar. Ich hatte nun das Glück, in meinem Leben für alles eine gewisse Ausbildung bekommen zu haben, ohne zu ahnen, dass ich sie einmal brauchen könnte. Im Krieg war ich bei der Bildstelle, und da hatten wir einen Generator, mit dem man eine kleine Stadt hätte mit Strom versorgen können. Ich konnte also mit Elektrizität jeder Art umgehen, so wurde ich auch mit dem bisschen Strom von einem Akku an Bord fertig. Auch Karten und Luftbilder lesen und auswerten habe ich in der Bildstelle gelern.

Wie und wann kamen die ersten Segelerfahrungen dazu?
Ich bin an den Wochenenden von Garmisch nach Starnberg gefahren und bin dort gesegelt. Damals, in den Fünfziger Jahren, hatte ich eine sehr segelbegeisterte Freundin, die Jutta. Mit ihr habe ich angefangen zu segeln im Mittelmeer, denn wir mussten ja etwas nehmen, das einigermaßen in der Nähe war von Bayern. Da versuchte ich, mit ihr von Venedig nach Triest zu kommen: meine erste Segeltour überhaupt. Für 250 Mark hatte ich einen gebrauchten, verrosteten Anhänger gekauft, das Boot aufgeladen, und damit sind wir über die Alpen. Ich hatte nur Autokarten, aber es dämmerte mir schon, dass wir damit nicht weit kommen würden. In Venedig versuchte ich, Seekarten zu bekommen. Aber auf alle meine Anfragen bekam ich nur die Antwort: „Radio marittima!“ Da dachte ich, die Italiener spinnen, und segelte ohne Seekarte. Die Häfen haben ja keine Schilder, also versuchte ich, die Reihenfolge der Orte auf der Autokarte zu verfolgen. So kam ich bis Triest und auch wieder zurück nach Venedig. Später habe ich dann erfahren, was es mit „Radio Marittima“ auf sich hatte – das war die Seefunkstelle, die staatlich zugelassene
Verkaufsstelle für Seekarten!

Haben Sie eigentlich einen Segelschein?
Die drei schwierigsten Segelscheine habe ich gemacht, als ich über siebzig war. Einfach, weil ich Ordnung haben wollte. Ich dachte mir: Wenn ich über die Ozeane gesegelt bin, dann gehört es sich auch, dass ich einen Hochseesegel- schein habe. Auf der boot in Düsseldorf sprach ich dann eine Segelschule an: Ich würde gerne bei Ihnen einen Segelschein machen. Die haben vielleicht geschaut! Am Freitag kaufte ich mir die nötigen Bücher, Prüfungstermin sollte am Samstag sein. In der mündlichen Prüfung beantwortete ich dann alle Fragen richtig und brauchte die praktische gar nicht mehr zu machen. Die Prüfer fragten mich nur, ob ich so nett wäre, dabei zu sein und zu kontrollieren, wenn die Knoten geprüft werden. Und das war‘s! Heute habe ich sämtliche Segelscheine, die es gibt. Jetzt allerdings hat man mich geärgert, denn es gibt ja ein neues Funksystem, und dafür muss man eine neue Prüfung machen. Na, die habe ich nicht mehr gemacht. weil ich ja auch kein Boot mehr habe, zumindest nicht mehr auf See.

Wie waren ansonsten Ihre Erfahrungen mit technischen Neuerungen?
Auf der dritten Weltumsegelung mit Angelika (seiner Frau, Anm. d. Red.), als wir Australien erreicht hatten, erfuhr ich, dass es diese Geräte gibt, mit denen man über Satellit die Position bestimmen kann. Ich fand das toll und habe mich erkundigt, was das kostet. Die Geräte waren ja gemein teuer am Anfang. Ich hatte drei Tage große Freude an meinem GPS, dann war leider Schluss. Dann gab das teure Gerät seinen Geist auf.

Stichwort Kommunikation: Jessica Watson will während ihrer Weltumsegelung zweimal täglich mit ihrer Mutter telefonieren. In welchem Maße war es Ihnen auf Ihren Alleinreisen möglich, Kontakt zu halten?
Der Aufbruch zu einer Reise war für mich ein ganz bewusster Schritt in Richtung Isolation. Ich habe den Kontakt aufrecht gehalten, indem ich von dem Ort, an dem ich war, Briefe nach Hause geschrieben habe. Darin habe ich meinen Freunden auch mitgeteilt, in welchem Hafen ich als nächstes sein würde und wann, damit sie mir dorthin ihre Post schicken konnten. Wenn ich zu früh dran war, konnte ich es kaum erwarten, bis die Briefe eintrafen; oft waren sie aber auch schon postlagernd angekommen.

Mit wem haben Sie geredet, wenn Sie über weite Strecken alleine an Bord waren?
Ich habe oft in den Wind geflucht… Aber ich habe auch mit Vögeln gesprochen. Wenn sie sich auf mein Boot setzten, habe ich schon mal gesagt: „Bleib sitzen, ich hole dir was zu essen“.

Wie hat sich im Laufe der Zeit der Anspruch an Ihre Törns verändert?
Ich habe mir immer ganz klare Pläne gemacht, was ich erreichen wollte. Vor der ersten Weltumsegelung war die Aufgabe, die ich mir gestellt habe: Ich will dieses Boot um die Welt herum bringen, wie auch immer. Aber allein. Während dieser ersten Weltumsegelung habe ich in der Südsee sehr interessante Völker kennengelernt, wirkliche Naturvölker. Ich bin bei einigen Völkern, Polynesiern, Melanesiern, mehrere Wochen geblieben, da bekam ich etwas mit von ihrer ursprünglichen Religion und Weltan- schauung. Die haben mich so beschäftigt, dass sie das Hauptthema wurden bei der dritten Weltumsegelung mit Angelika. Wir hatten fantastische Erlebnisse mit den Menschen auf den Inseln. Daher hat auch die dritte Weltumsegelung so lange gedauert: sieben Jahre. Ich bin nie dahin gefahren, wo es sich gut segeln ließ und der Wind günstig war, sondern wo ich hoffte, Völkerschaften zu finden, die besonders interessant sind. Für mich, als ich allein segelte, war das Interessanteste Neuguinea, denn das war das wildeste, das es noch gab, und wo ich auch sehr vorsichtig sein musste. Man fand dort nichts dabei, jemanden zu töten, wenn er Sitten und Gesetze verletzte.

Haben Sie den Hang zum Abenteuer? Das Gefühl, sich selbst immer steigern zu müssen?
Eigentlich ja. Wobei die Entfernung nicht die entscheidende Rolle gespielt hat, sondern das, was ich zu erleben hoffte.

Haben sich Hoffnung und Erlebtes gedeckt?
Ja. Mehr als gedeckt. Sonst wär ich nicht dreimal rum (lacht). Nach der ersten Weltumsegelung habe ich bestenfalls eine Ahnung bekommen. Viele haben mich gefragt: Bist du dort und dort gewesen? Und ich musste verneinen. Die taten so, als ob das kleine Boot ein Porsche wäre. Da dachte ich mir: Das nächste Mal werde ich alles besser planen. Völkerkundliche Bücher habe ich studiert, Nacht für Nacht, und als eine Art Geheimtipp die englischen Pilots, in denen auch die Berichte und Warnungen von Missionaren standen: Da dürfte man nicht hin, da hätte man erst vor ein paar Jahren noch ein paar Leute umgebracht.

Gibt es noch irgendein Ziel, das Sie reizen würde?
Eine ganze Menge. Aber ich denke nicht darüber nach und ich möchte mir auch nicht wehtun mit Wünschen, die nicht erfüllbar sind. Ich bin jetzt 88 Jahre und da kommt das nicht mehr in Frage.

Was machen Sie denn jetzt? Ein rastloser Geist wie Sie sitzt ja sichernicht zu Hause.
Ich habe bis jetzt an die zehn Bücher geschrieben. Das nächste mit dem Titel „Südsee-Geschichten“ kommt Anfang des Jahres heraus.

Zieht es Sie manchmal noch aufs Wasser? Segeln Sie noch mit?
Auf einem fremden Boot bin ich nie mitgesegelt. Mit dem Segeln habe ich nach der dritten Weltumsegelung aufgehört.

Ihre Frau hat mal gesagt: Wenn Sie an der Nordsee geboren wären, dann wären Sie vielleicht kein Weltumsegler geworden.
Ja, da ist was dran. Ich weiß es nicht: Vielleicht wäre ich total verrückt gewesen nach der Segelei. Aber nach jeder Rückkehr von einer Weltumsegelung kam ich in einen deutschen Hafen, Cuxhaven beispielsweise, Emden oder Hamburg. Folglich musste ich über die Nordsee und auch durch´s Wattenmeer und die Elbe. Mit den Gezeiten kann es da schon schwierig werden. Plötzlich können starke Strömungen das Kurshalten unmöglich machen. Und an jedem Küstenstück ist es wieder anders. Da dachte ich jedes Mal: Das ist eigentlich nicht so lustig.

Interview Rollo Gebhard, erschienen in segeln 1/2010

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