Perspektivwechsel

Posted by in Britta macht... on Mo. Jul. 2011

Perspektivwechsel

Schifffahrtssimulator – Mein Großvater war ein Versicherungsgutachter in Sachen Rheinschifffahrt. Man kann also reinen Gewissens behaupten, es läge mir im Blut, riesige Frachtschiffe zu steuern. Da ich im Hamburger Containerhafen eher etwas schief angeguckt wurde, als freudig begrüßt, habe ich einen anderen Weg gefunden: Der Kreuzer Yachtclub hat mich zu einem Simulationstrainig eingeladen. Auch nicht schlecht.

Sie schieben sich wie träge Riesen über Weltmeere, Flüsse und Kanäle: Kreuzfahrtdampfer  und Containerschiffe. Der Respekt vor diesen Kollossen ist unter Seglern meist größer als das Verständnis für ihre Kapitäne. Ein neues Seminar des Kreuzer Yachtclubs soll das ändern.

Es ist Nacht über der Ostsee. Regen verschlechtert die Sicht. Der Bug des Tankers Desaster Express taucht tief in die Wellen ein und langsam wieder auf. Auf der Brücke versucht die Crew über Radar, AIS und mehrfachen Ausguck, den Überblick zu behalten. Mit den Beinen stemmen sich die vier Seeleute gegen den Boden, versuchen, die Schwankungen auszugleichen. Ich stehe draußen, außerhalb des Simulators, und schaue durch die Brückenfenster hinein. Ein irres Bild bietet sich mir: Fünf Menschen stehen auf festem Boden und schwanken, gehen in die Knie, wanken von links nach rechts. Was man von außen nicht sieht: Im Inneren ist die Illusion perfekt. Das merke auch ich, als ich die Brücke wieder betrete. Das Auf und Ab auf der Leinwand wirkt so echt, dass ich lieber ein wenig in die Knie gehe, um bei dem Seegang nicht umzufallen. Und auch mir wird auf festem Boden etwas übel. Augen und Gleichgewichtssinn streiten.

Es ist der zweite Tag im Schiffssimulator der Fachhochschule in Flensburg. Normalerweise lernen Nautikstudenten in dem Anfang Mai eröffneten Ausbildungszentrum der Fachhochschule den Umgang mit Container- und Kreuzfahrtschiffen. Auf sechs absolut realistischen Brücken, in denen alles Eins zu Eins so ist wie auf den Berufsschiffen, die die künftigen Lotsen und Kapitäne später über die Weltmeere steuern sollen. Heute sind wir Segler dran. Eine erlesene Gruppe vom Kreuzer Yachtclub Vorstand und ausgewählten Freunden, zu der auch ich mich zählen darf, testet das neue Seminar in einem Probelauf. „Natürlich kann man die ganze Sache nicht innerhalb von einem Tag lernen, aber man sieht, wie es ist, auf einem Berufsschiff zu fahren, und kann vielleicht ein wenig Verständnis für die andere Seite entwickeln“, erklärt Gerald Immens. Der Seelotse leitet nicht nur den Arbeitskreis „Sicherheit auf See“ des Deutschen Nautischen Vereins, er unterrichtet auch die Nautikstudenten in Flensburg und leitet das neue Seminar des Kreuzer Yachtclubs.

Ein Wochenende lang wird technische Navigation in Theorie und Praxis gelernt, bekommen Segler die Möglichkeit, einmal Großschiffskapitän zu sein. Den ersten Tag verbringen wir im Seminarraum. Radargeräte und -reflektoren, AIS, Kartenplotter und integrierte Navigationssysteme in Theorie und Simulation. Am zweiten Tag dürfen wir dann endlich ans Steuer. Unser Tanker heißt tatsächlich Desaster Express. Klingt vielversprechend, denke ich mir. Trotzdem, das kann doch nicht so schwer sein.

Auf dem Englischen Kanal kreuzt ein Segelschiff unseren Weg. Mit einer kleinen Kursänderung nach Steuerbord kommen wir locker hinter dem Segler entlang. Schon erscheint das nächste Boot auf unserem Radar und das nächste. Als vorbildliche Motorschiffer weichen wir wieder aus. Und nochmal. Und ein weiteres Mal. Ganz souverän. Nach erfolgreich gefahrener Übung sitzen wir zur Nachbesprechung im Seminarraum und verfolgen unsere Route aus der Vogelperspektive auf dem Tracker. Es folgt die bittere Erkenntnis: Wir sind um knappe 45 Grad von unserem Kurs abgekommen. Statt in Dover wären wir irgendwo in Holland gestrandet. Die Ausweichmanöver haben uns komplett vom Kurs abgebracht. Und das in einem relativ wenig befahrenen Bereich.

Dabei wird es auf den deutschen und internationalen Seewegen immer voller. Der Nord-Ostsee-Kanal etwa ist die meist befahrene künstliche Seeschifffahrtsstraße der Welt. Im Schnitt fahren hier 117 Schiffe am Tag hindurch, 42.000 im Jahr. Sportboote noch gar nicht eingerechnet. Auch auf der Ostsee wird es immer enger: In der Kadetrinne wurden 2006 circa 9.000 Tankerpassagen gezählt. Die Helsinki-Kommission, die sich den Schutz der Ostsee zur Aufgabe gemacht hat, geht von einer Steigerung um 30 Prozent bis 2015 aus. Als Sportschiffer sollte man sich gut überlegen, ob man diese Autobahnen der Meere wirklich durchfahren muss.

Nächste Übung: Wir fahren in der recht schmalen Fahrrinne, als ein Segler auf uns zuhält. Diesmal kommt eine Kursänderung für uns gar nicht infrage. Der Segler kommt näher. Er scheint nicht einmal daran zu denken, den Kurs zu ändern. Plötzlich verschwindet das weiße Segel vor unserem Bug. Nicht einmal die Spitze des Mastes ist noch zu sehen. Container verhindern die Sicht. Ein Blick aufs Radar, nichts. Hat der etwa keinen Reflektor? Blick aus dem Fenster, nichts. Er ist weg. Überfahren? Warum ist er denn nicht ausgewichen?

In der Nachbesprechung folgt die Entwarnung: Der Segler ist vor uns durchgekommen. Bowcross. So nennt sich das in der Praxis so häufige Phänomen. Der Segler sieht nach seiner Peilung, dass er gut 200 oder 300 Meter vor dem Ozeanriesen durchkommt. Dem Kapitän auf der Brücke versperren hohe Aufbauten und Container jedoch oft die Sicht, das eigene Schiff verdeckt das Radar-Signal, wenn es denn eins gibt. Wir Segler haben gelernt: Lieber den Kurs ändern, abdrehen oder hinten herum. Das freut den Kapitän.

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