„Wir werden nicht die Welt retten!“

Posted by in Britta trifft... on Di. Jul. 2011

„Wir werden nicht die Welt retten!“

Es ist schon etwas her, im September 2010 war ich in Oberhausen und traf Alexander Wiesner in der Werft. Eine Weltumsegelung planen er und seine Frau Irene. Aber nicht einfach so. Auf ihrem Schiff richten Sie eine Praxis ein, dann geht es als Ärzte unter Segeln auf der Barfußroute um die Welt. Mittelamerika, Indonsien, Afrika. In vielen Ländern ist die Infrastruktur, gerade was die medizinische Versorgung angeht, extrem schlecht. Die Wiesners segeln da hin, wo die Transpoter großer Organisationen nicht hin kommen. In kleinen Häfen bieten sie kostenlose, ärztliche Versorgung.

Als Ärzte unter Segeln wollen Dr. Irene und Alexander Wiesner Menschen in den ärmsten Ländern der Welt helfen. Bevor es jedoch losgehen kann, muss zunächst das Schiff in den OP. In der Werft wird die Sealady zur schwimmenden Praxis.

Die schwarze Lederjacke glänzt an den Rändern schon leicht speckig, Staub liegt auf Ärmeln und Schultern. Die randlose Brille sitzt ein wenig schief, die Haare versucht Alexander Wiesner mit einer kurzen Handbewegung zu ordnen. Er schiebt ein paar Papiere und Werkzeuge auf der Bank zur Seite, dann nimmt er Platz im geräumigen Salon seiner Sealady, einer 15-Meter Reinke Yacht. Das Schiff liegt in der Marina Oberhausen. Ohne Mast, der Stahlrumpf hat bereits eine neue Lackierung erhalten. Weiß, mit dem Logo, das verrät, worum es hier an Bord einmal gehen soll:

Unter Deck – die reinste Baustelle. Die Bodenbretter über dem Motorraum der Sealady stehen senkrecht in die Höhe, gut anderthalb Meter darunter, wo die beiden Motoren des Schiffes sitzen sollten, ölig-rostiger Stahlboden. „Eigentlich wollten wir schon viel weiter sein, aber Sie wissen ja wie das ist…“ Inmitten dieser Baustelle fällt es schwer, sich Alexander Wiesner in Arztkittel und -praxis vorzustellen. Doch sobald er anfängt, auf diese beruhigende und bedachte Art zu sprechen, kann man den Geruch von Desinfektionsmitteln und Medikamenten förmlich riechen. Ein freundliches „Na, wie geht es uns denn heute?“ liegt in seinem Blick. Alexander Wiesner ist kein Hausarzt mit eigener Praxis und weißem Kittel, heute und auch noch die nächsten Monate, vielleicht Jahre, ist er Leiter seines eigenen, ganz beonderen Projekts.

Alexander Wiesner und seine Frau Irene wollen die Welt umsegeln. Doch nicht nur das. Die beiden Ärzte wollen aus dem ehemaligen Kojencharter-Schiff eine schwimmende Praxis machen. Als „Ärzte unter Segeln“ wollen sie die Welt auf der Barfußroute umrunden und auf ihrem Weg kranken Menschen helfen. Gerade in Mittelamerika, Afrika oder Indonesien sind viele Menschen von ärztlicher Versorgung abgeschnitten oder  können sich einen Arztbesuch nicht leisten. Hier wollen die Wiesners mit ihrer Sealady anlegen.

Wenn alles nach Plan verläuft, soll 2012 mit der Atlantik Rally for Cruiser der Startschuss fallen. Bis dahin ist noch viel zu tun. Von einer Weltumsegelung träumt Alexander Wiesner schon lange. Schon als Kind segelt er, im Studium entdeckt er das Hobby wieder. „Segeln ist wie ein Virus“ sagt der Arzt, „entweder ist man nach zwei Wochen immun, oder nie.“ Seine Frau steckt er vor etwa acht Jahren an. Das erste „eigene“ Schiff, eine Phantom 34, lag an der Ostsee und gehörte einer Eignergemeinschaft. Im Thailandurlaub vor etwa fünf Jahren sieht das Ehepaar in einer Bucht eine Yacht unter deutscher Flagge: ein Weltumsegler. Der Funke springt über, die Idee beginnt zu reifen, Pläne werden geschmiedet: Was für ein Schiff brauchen wir, wo wollen wir hin und wie finanzieren wir das?

Die Ärzte heuern auf einem Kreuzfahrtschiff an. Gute Gehälter und wenig Ausgaben sind ideal, um dem Traum näher zu kommen. Und von der Welt sehen sie auch schon einiges. Die MS Vistamar bringt sie in die schönsten Regionen der Welt, sie sehen den Dschungel am Amazonas, das Eis der Arktis und Palmenstrände in der Dominikanischen Republik. Doch eines fällt den Ärzten immer wieder auf: abseits der Touristenorte und der großen Städte mangelt es an medizinischer Versorgung. Auf Landausflügen kommt das Ärztepaar schnell mit Einheimischen in Kontakt. „Sobald herauskam, dass wir Ärzte sind, war das Interesse enorm. Viele Menschen in den Dörfern hatten seit mehreren Jahren keinen Arzt mehr besucht“, erzählt der 44-Jährige.

Im Amazonas kommt es zu Tauschhandeln verschiedener Art: Die Touristen dürfen die Dörfer der Einheimischen besuchen, dafür bekommen diese Kleider, Schulsachen für die Kinder oder eben ärztliche Versorgung. „Hier wurde uns klar, mit wie wenigen Mitteln wir viel Hilfe leisten können.“ Für die Erstversorgung kleinerer Wunden braucht es nicht viel. Desinfektion, einen sauberen Verband. Bleiben Verletzungen allerdings unbehandelt, kann es zu Entzündungen oder Blutvergiftungen kommen. Diagnose, Erstversorgung, eventuell eine Nachuntersuchung wenige Tage später. Vielen Menschen sei mit solch einer kurzen Untersuchung meist schon geholfen.

Die geplante Weltumsegelung nimmt neue Formen an. „Wir wollten von Anfang an nicht für mehrere Jahre aus dem Beruf aussteigen. Der Gedanke hatte uns schon immer gestört“, sagt Alexander Wiesner. Die Lösung: ein Schiff mit Praxis. Zwei Jahre suchen er und seine Frau nach dem richtigen Schiff. Schließlich finden sie die Sealady. Sechs Jahre lang lief die Stahlyacht in der Kojencharter im Mittelmeer. Entsprechend verwohnt sah sie aus. Aber Größe und Stabilität und der helle Decksalon entsprechen den Vorstellungen der neuen Eigner. Die Sealady wird gekauft und nach Deutschland überführt. Unterwegs streiken die Motoren, in Oberhausen muss ein Reparaturstopp eingelegt werden. Der Werftleiter ist von dem Projekt begeistert und bietet spontan seine Hilfe an. Statt in Kiel wird die Sealady nun in Oberhausen zum Praxisschiff.

Alexander Wiesner sieht das Projekt nicht als Versuch, die Welt zu retten: „Wir sind Alexander und Irene Wiesner, nicht Albert Schweitzer und Mutter Theresa.“ Hier geht es vor allem darum, die Welt zu umsegeln. „Wir helfen gern, so lange wir da sind. Wenn es weiter geht, geht es weiter.“ Haben die beiden keine Angst vor enttäuschten Hoffnungen?  Davor, den Menschen auf ihrer Reise nicht genug Hilfe leisten zu können? „Was wir vorhaben ist nichts anderes als eine großangelegte Nachbarschaftshilfe.“ Wie der alten Dame von nebenan die Tüten hoch zu tragen. Ein bisschen Hilfe, wenn es gerade passt. Angst, von den Einheimischen zu sehr beansprucht zu werden, oder gar vor Vorwürfen und unerfüllten Hoffnungen, haben die beiden nicht. Alexander Wiesner ist überzeugt: „Menschen, die seit Jahren keine Ärzte gesehen haben, werden nicht plötzlich zu Dauerpatienten.“ Was im ersten Moment halbherzig klingt, ist durchaus durchdacht. Anders als große Hilfsorganisationen bereisen die Wiesners nur kleine Orte, fern ab der großen Städte. Der Besuch der Ärzte wird sich schon herumsprechen, da sind sie sicher. Mit Massenanstürmen sei hier aber nicht zu rechnen.

Die beiden arbeiten wie normale Hausärzte, die auch in Deutschland in der Regel nur wenige Minuten pro Patient aufbringen können. Die Acherkajüte im Deckssalon wird zur Praxis umgebaut. Aus der Koje wird eine Patientenliege, ein Waschbecken bleibt, der Rest kommt raus. Arbeiten auf minimalem Raum. An Bord werden die Wiesners nur das Nötigste haben. Ein EKG, Ultraschall und eine Labor-Grundausstattung. Alles in Handkoffergröße. Dazu die wichtigsten Medikamente und Erstversorgungsmittel.

Auf dem Kreuzfahrtschiff haben sie gelernt, mit wenig auszukommen und sind zu wahren Allroundern geworden. Als einzige Ärzte an Bord mussten sie sich aller Krankheiten und Wehwehchen annehmen, bis hin zur Zahnbehandlung. Auch diese Erfahrungen werden sich auf ihrer Reise auszahlen. Im Vordergrund steht jedoch das Segeln. Das Ehepaar segelt allein. Keine zusätzliche Crew wird angeheuert, Gäste sind jedoch willkommen. „Wir sind keine Eigenbrödler!“ sagt Alexander Wiesner. Ob Segler oder Mediziner, wer an dem Projekt interessiert ist kann für eine gewisse Strecke mitreisen. Wenn man sich versteht. Die Zeiten der Kojencharter auf der Sealady sind vorbei.

Die „Ärzte unter Segeln“ haben eine eigene Stiftung gegründet. Sponsoren und Spender sollen die Arbeit der Ärzte in den kommenden Jahren unterstützen, rund 200.000 Euro haben die Wiesners bereits in das Projekt investiert. Und wenn die Reise vorbei ist? „Es soll immer bei punktuellen Aktionen bleiben, wir planen nicht, dass es in einigen Jahren eine ganze Flotte unter unserem Logo gibt“, sagt Alexander Wiesner. „Vielleicht brechen wir nach einiger Zeit ein zweites Mal auf, oder es finden sich andere, die das Projekt weiterführen möchten.“

Alexander Wiesner schiebt einige Rollen Dämmmaterial und diverse Putzutensilien im Salon zur Seite. Das Handy klingelt. Irene Wiesner ruft vom Kreuzfahrtschiff an. Während ihr Mann die Bauarbeiten begleitet, arbeitet sie weiterhin als Schiffsärztin, um die Bordkasse zu füllen. Zwischendurch hört sie immer mal nach dem Rechten. „Es geht voran“, sagt ihr Mann, aber es gibt noch viel zu tun.

Den ganzen Artikel als pdf lesen

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .