Den richtigen Kurs finden

Posted by in Britta macht... on Do. Jul. 2011

Den richtigen Kurs finden

Die Ausbildung zum Sportbootführerschein ist umstritten. Zu theorielastig, zu wenig Praxis heißt es oft.  Aber es geht auch anders: Da es sowieso an der Zeit war den Sportbootführerschein zu machen, habe ich mir im Mai 2010 einen SBF­Kurs der besonderen Art ausgesucht.

Der graue Himmel hängt schwer über dem Kommunalhafen, Regen prasselt auf unsere Kapuzen, peitscht in die angestrengten Gesichter und läuft eiskalt in die bis zur Nase hochgezogenen Kragen. Sechs Windstärken und Regen machen es sogar hier im geschützten Hafen fast unmöglich, den Kurs zu halten und die Boje zu finden. Irgendwie klappt es dann doch, das Boje-über-Bord-Manöver. „Gut gemacht“, heißt es kurz vom DSV-Prüfer. Schnell verziehe ich mich unter Deck, raus aus den nassen Klamotten, abtrocknen, durchatmen. Schulterklopfen und anerkennende Worte der anderen Teilnehmer. Zu zehnt drängen sie sich im Salon, nass und glücklich nach überstandener Prüfung oder trocken und angespannt auf ihren Einsatz wartend. Die Prüflinge im Cockpit werden angefeuert, wir fiebern mit jedem einzelnen mit, die gemeinsamen Tage haben uns zusammengeschweißt. Gemeinsam warten wir auf die Entscheidung des Prüfers: bestanden?

Schon lange hatte ich vor, endlich einmal den Sportbootführerschein zu machen. Selbst einmal Skipper sein, nicht immer nur mitsegeln. Doch wie bereitet man sich am besten vor? 342 Fragen auswendig lernen, autodidaktisch mit Buch und Fragebögen? Die meisten Segelschulen bieten Theoriestunden in der Gruppe, ein oder zwei Abende die Woche. Meist im Winter. Dazu ein Minimum an praktischen Übungsstunden, im Dingi mit Außenborder. Kurz vor Saisonbeginn dann die Prüfung – es kann gechartert werden. Segelschiffe, Motorboote, 20, 30, 40 Fuß: man hat ja den Schein.
Aber ich peile etwas anderes an. Ich möchte wirklich lernen, mit einem Schiff umzugehen. An- und ablegen mit 37 Fuß, MOB-Manöver mit einem Meter fünfzig Freibord.

An einem Samstag Morgen um acht sitze ich entspannt am Heiligenhafener Yachthafen auf meinem Gepäck und trinke meinen ersten Kaffee. Die Morgensonne scheint vom stahlblauen Himmel, ein kühler Wind streicht durch die Wanten. Heute beginnt mein Kurs zum Sportbootführerschein See. Eine Woche Intensivtraining, Leben an Bord, ein hoher Praxisanteil und viel Theorie mit der Hamburger Segelschule WellSailing.

Die Fahrerlaubnis braucht jeder, der auf den deutschen Seeschifffahrtsstraßen ein Sportboot oder ein Wassermotorrad führen will, dessen Motor an der Propellerwelle mehr als 3,68 kW (5PS) abgibt.*
Nach und nach trudeln die anderen Kursteilnehmer am Hafen ein. Ein bunter Haufen aus drei Ehepaaren, einem Vater-Sohn-Schwiegersohn Gespann aus Bergisch Gladbach und vier „Singles“, die auf den deutschen Seeschifffahrtsstraßen ein Sportboot oder ein Wassermotorrad führen wollen. Die Kenntnisse sind so unterschiedlich wie meine Mitschüler selbst. Jürgen hat bereits im Vorfeld den kompletten Fragenkatalog auswendig gelernt und kennt jede Antwort wie aus der Pistole geschossen. Außer einem Motorboottörn auf der Müritz kann sein Logbuch jedoch nichts vorweisen. Unser Bergisches Dreigestirn hat schon so manches Segelabenteuer mit Skipper auf der Nordsee hinter sich, in der Theorie tun sich die drei aber schwer. Ihr erklärtes Ziel: „Mindestens einer muss den Schein bekommen.“

In den kommenden Tagen werde ich mit den zwölf anderen auf den Schiffen leben, mit denen am Ende auch die praktische Prüfung gefahren werden soll: Sieben Tage lang stehen uns drei 37-Fuß Yachten zur Verfügung. Wir lernen auf Schiffen, wie wir sie auch hinterher fahren wollen. Auf dem Programm: An- und Ablegemanöver mehrmals täglich, Vorfahrt- und Ausweichsituationen in der Realität, Navigation mit Karte, Kompass und Kurshalten. Knoten und Umgang mit Leinen, immer wieder. Tonnen, Seezeichen zum Anfassen nah, Positionslichter und Leuchtfeuer während der Nachtfahrt. Lee und Luv spüren. Sehen, machen, anfassen, begreifen… Das Lehrbuch haben wir trotzdem alle gekauft. Die Mischung macht’s.

Aufgabe der Navigation ist es, ein Schiff sicher über See vom Ausgangspunkt A zum Ziel B zu führen. Dies verlangt eine möglichst genaue Bestimmung des Schiffsortes und des abgesetzten oder angelaufenen Kurses.*
Die Navigationsaufgabe in der Theoretischen Prüfung: Finde Punkt A in der Karte, verbinde ihn mit Ziel B. Entweder nach Kurs- und Meilenangabe gilt es eben diesen, oder, anders herum, mit bekanntem Punkt B, den Kurs zu finden. Das ist Navigation.
Nach sechs Stunden im Klassenraum steuern wir Kurse zwischen Heiligenhafen und Fehmarn. Seekarte und Navigationsbesteck liegen bereit. Wir bestimmen den Schiffsstand-ort über eine Kreuzpeilung zwischen Sundbrückenpfeiler, Leuchtturm und Hafensilo. Das ist Punkt A. Die Osttonne Zielpunkt B. Standpunkt einzeichnen, Kurs bestimmen. Ohne Hilfestellung des Segellehrers da hin zu kommen, das ist Navigation.

Den Kurs unserer Yacht bestimmen wir mit dem Ruder, indem wir das beidseitig angeströmte Ruderblatt aus der Mittschiffsrichtung drehen.*
In der hintersten Ecke des Yachthafens, zwischen Graswarder und Steg, stoppen wir auf, fahren vorwärts und rückwärts und wenden auf engem Raum. Immer wieder, einer nach dem anderen darf ans Steuer. Irgendwann fragen wir uns, wann wohl die Wasserschutzpolizei auf uns aufmerksam und einen Alkohol-Test machen wird. Aber man ist den Anblick von Segelschulen anscheinend gewöhnt. Den ganzen Tag üben wir verschiedenste Anlege-, Wende- und Mann-über-Bord-Manöver. In unserem Fall „FOB“: „Fender über Bord“. Das Kreiseln vom Vormittag zahlt sich aus. Wir fühlen uns immer sicherer im Umgang mit dem großen Steuerrad. Auch ich, als Fan kleinerer Schiffe mit Pinnensteuerung, habe mich an das Stehen hinter dem Rad und den großen Abstand zum Gashebel gewöhnt.

Leuchtfeuer dienen der Navigation bei Nacht und unsichtigem Wetter. (…) Das Blitzfeuer ähnelt dem Blinkfeuer, doch ist ein Blitz weniger als 2 Sekunden lang.*
Der Blink hingegen ist mindestens zwei Sekunden lang. Das kann man sich merken, auch mal versuchen, mit der Taschenlampe nachzuspielen. Wir machen eine Dunkelheitsfahrt. Kreuzen so lange vor dem Leitfeuer, bis das Licht von grün auf weiß auf rot springt. Im Sonnenuntergang geht es am Graswarder entlang Richtung Sundbrücke. Die Ostsee vor Heiligenhafen bietet viele Lichter: Leuchttürme auf Fehmarn und dem Festland, Leit- und Richtfeuer in der Hafeneinfahrt. Ost- und Ansteuerungstonne blinken und blitzen. Und auch ohne Stoppuhr verstehen wir die Unterschiede. Es ist kalt und den uns begleitenden Skipper Axel zieht es bald wieder in den Hafen. Gern wäre ich noch ein bisschen draußen geblieben.

Die Windstärke wird nach der 12-stufigen Beaufort-Skala angegeben. Sie beschreibt die Auswirkungen des Windes auf dem Wasser und an Land.*
Was bei strahlendem Sonnenschein und leichtem Lüftchen begann, entwickelt sich immer stärker zu Schietwetter und Sturmböen. Abends zeigen sich die Auswirkungen des Windes auf die Achterkajüte: die Wellen schlagen mit voller Wucht gegen die Bordwand. Es rumst und kracht die ganze Nacht hindurch und wir werden ordentlich durchgeschüttelt. Ich liege lange wach und versuche mir vorzustellen, ich sei mitten auf dem Atlantik. Der Lärm und das Stampfen sind beängstigend, wecken aber auch Seefahrerromantik. Unausgeschlafen und müde geht es am nächsten Morgen wieder in die Segelschule. Der ganze Hafen und die Bänke im Klassenraum scheinen zu schwanken. Der Wind hat kaum nachgelassen und es regnet immer wieder. Wir hatten gehofft, einmal wenigstens Segel setzen zu können. Das fällt nun aus.


Nach einer erneut stürmischen und schwankenden Nacht verspricht der Freitagmorgen nichts Gutes. Der Wind hat weiter zugenommen und es regnet wieder. Ist eine praktische Prüfung überhaupt möglich? Unser Lehrer Richard berät sich mit Heiligenhafener Segellehrern und telefoniert mit dem DSV. Dann steht fest: der Prüfer wird kommen.

Wir verholen unser Schiff in den Kommunalhafen. Das Ablegen gegen den Wind bereitet echte Probleme, aber wir sind in den vergangenen Tagen zu einer richtigen Crew zusammengewachsen und schaffen es am Ende doch. Dennoch bleiben die anderen Schiffe zur Sicherheit im Hafen. 13 Prüflinge, zwei Segellehrer und Herr Budahn vom DSV drängen sich in Cockpit und Salon. Unten ist die Luft schlecht und die Anspannung groß. An Deck rauben uns Wind und Regen die letzten Nerven. Doch irgendwann haben alle die Prüfung hinter sich. Wir sind viel zu erschöpft, um uns richtig zu freuen. Außerdem steht auch die Theorie noch an. Haben wir genug gelernt? Sollten wir noch einen Blick in die Bücher werfen? Noch einen Fragebogen ausfüllen? Oder lieber entspannen und früh ins Bett?

Der Wecker am nächsten Morgen ist erbarmungslos. Um 5.30 Uhr endet die Nacht. Taschen müssen gepackt, die Schiffe besenrein hinterlassen werden. Die Prüfung findet um halb acht in Lübeck statt, wir haben eine gute dreiviertel Stunde Fahrt vor uns. Nervöse Gesichter blicken uns entgegen, als wir in letzter Sekunde mit einem kurzen Gruß an Richard vorbei rauschen, der als moralische Unterstützung mit angereist ist. Gerade noch rechtzeitig melden wir uns bei der Prüfungskommission. Fragebögen werden ausgeteilt, die Zeit läuft, die Köpfe rauchen.

Dann heißt es warten. Im Restaurant bekommen wir Frühstück und Kaffee. Visitenkarten und Fotos der letzten Tage werden getauscht, die nächsten Segeltörns mit eigenem Schein geplant. Uns hat der Ehrgeiz gepackt. Was kommt als nächstes? SKS? SSS? Oder um die Welt segeln?

Endlich erscheint Günther Bockmann, Vorsitzender der Prüfungskommission. Das Warten hat ein Ende. Wir schießen noch ein letztes Erinnerungsfoto, bevor sich alle mit dem Schein in der Hand und dem Versprechen, sich bald wieder zu treffen, in alle Himmelsrichtungen verteilen.

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