Im Notfall ganz anders

Posted by in Britta macht... on Sa. Jun. 2011

Im Notfall ganz anders

Wie fühlt es sich an, ganz allein in der Nordsee zu treiben? Über Bord gegangen, auf Rettung hoffend? Ich habe im Oktober 2010 die Seenotretter der DGzRS bei einem Übungseinsatz begleitet und mich todesmutig in die Nordsee gestürzt.

Wasser. Um mich herum, nichts als Wasser. Seit Stunden. Irgendwo unerreichbar der Horizont. Unter mir: Wasser, zehn Meter oder mehr, braun-grüne Nordsee. Etwas berührt mein Bein. Kalt, glitschig, unsichtbar in der Tiefe. Nur ganz kurz, dann ist es wieder weg. Meine Füße treten ins Nichts. Die Kleidung saugt sich voller Wasser, wird immer schwerer, zieht mich nach unten. Die Kiefer pressen aufeinander. Hals- und Nackenmuskeln sind bis zum Steiß gespannt. Schnappatmung setzt ein, ich schlucke Wasser. Ich will hier raus.
Auf der Fahrt nach Büsum male ich mir den Seenotfall in den grausigsten grün-braunen Farben aus. Verschollen in der Nordsee, über Bord gegangen, Schiff gesunken. Heute probe ich ihn mit der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Einen Tag lang begleite ich die Seenotretter bei ihrer täglichen Arbeit. Für die Rolle der Schiffbrüchigen bei der Rettungsübung habe ich mich freiwillig gemeldet.

Wenige Stunden später ist es so weit: Mit einer Hand halte ich mich an der Reling fest, die Sohlen meiner Gummistiefel noch auf dem sicheren Stahldeck. Vor mir breitet sich unendlich die schlammbraune Nordsee aus. Ich zögere. Das Schiff geht in den Wellen auf und ab, ich schaue nach unten. „Einfach einen großen Schritt nach vorn machen“, ruft mir Vormann Jörg Lüdtke zu. Ich lege beide Hände auf die Rettungsweste vor meiner Brust, schaue nicht mehr nach unten und schließe die Augen. Eine Millisekunde im freien Fall, dann tauche ich in die braune Brühe. Mit einem Knall löst die automatische Rettungsweste aus und füllt sich zischend mit Luft. Wellen schlagen mir ins Gesicht. Bin ich schon aufgetaucht oder noch unter Wasser? Wo ist das Schiff? Die Strömung zieht mich am Rumpf der Hans Hackmack entlang, bald treibe ich achteraus auf die offene See hinaus. Gegenanschwimmen? Keine Chance.

Doch die Panik bleibt aus. Ich entspanne mich. Die Sonne scheint, der orangefarbene Überlebensanzug, der mich aussehen lässt wie die Astronauten aus „Armageddon“,  hält trocken und warm. Die Rettungsweste liegt wie ein riesiges, gelbes Schlauchboot um meinen Hals. Schwerelos treibe ich wie eine Luftmatratze auf dem Wasser dahin. Um mich zieht das Tochterschiff des Seenotrettungskreuzers seine Kreise, das Brummen des Motors wird leiser, lauter. „Alles o.k.?“ Daumen hoch, mir geht es gut. Alles gar nicht so aufregend. Die Wellen schaukeln mich sanft in der Sonne auf und ab. Eine richtige Notsituation fühlt sich wahrscheinlich anders an.

Die Seenotretter trainieren ihre Einsätze regelmäßig. Bei einem richtigen Notfall muss jeder Handgriff sitzen.  Dazu gehören Wissen und Erfahrung, aber auch ständige  Weiterbildung, eine zuverlässige, sturm-erprobte  Technik und eine eingespielte Crew, die sich hundertprozentig aufeinander verlassen kann. Bis Ende Oktober 2010 konnten 104 Menschen aus Seenot gerettet und 954 Personen aus drohenden Gefahrensituationen befreit werden.

In der über 145-jährigen Geschichte der DGzRS haben die Seenotretter mehr als 76.000 Menschen retten können. Einige davon trieben, wie ich, im Wasser, nur ohne den orangenen Anzug, nass bis auf die Haut, erschöpft vom Schwimmen und dem Kampf zwischen Angst und Hoffnung.

Von Weitem nähert sich mir Emmi, das Tochterschiff der Hans Hackmack. Eigentlich könnte ich noch eine ganze Weile so weiter dahin treiben. Die endlose Erleichterung eines Schiffbrüchigen bei nahender Rettung kann ich mir nur ganz entfernt vorstellen. Ich versuche, dem Rettungsboot entgegen zu schwimmen. Elegant und wendig wie das Michelin-Männchen.

An der Längsseite der Emmi kniet Rettungsmann Rolf Putz. Der einhundertfünfzig Kilo-Mann packt beherzt den Griff an meiner Rettungsweste. Jetzt komme ich mir doch wie eine Schiffbrüchige vor. Unfähig, das kleinste bisschen zu meiner Rettung beizutragen, werde ich rückwärts an Bord gezogen. Wie ein toter Wal hänge ich an dem kräftigen, tätowierten Seemannsarm. Ich kann nicht einmal den Kopf drehen. Die sperrige Weste und mein plötzlich zurückkehrendes Körpergewicht zwingen mich zu absoluter Passivität. Ich spüre den Stahlrumpf an meinem Rücken, unsanft werde ich an Deck gezerrt. Vorsichtig setze ich mich auf und lasse etwas Luft aus der Rettungsweste. Jetzt kann ich mich freier bewegen.
Auf der Emmi befinden sich Decken und Medikamente für die Erstversorgung Geretteter, vor allem aber ein PS-starker Motor, der sie wie ein Speedboat zurück zum Rettungskreuzer bringt. Über die Heckklappe der Hans Hackmack wird die Emmi millimetergenau in eine Zugvorrichtung eingehakt. Auch bei extremem Seegang muss das reibungslos klappen. Dann nimmt der Rettungskreuzer das kleine Beiboot wieder huckepack. Wie die Wagen einer Wasserrutsche wird Emmi über Rollen und Ketten langsam aus dem Wasser gezogen. Für mich ist die Übung vorbei.
Die heute hauptberuflichen Seenotretter fahren seit Jahrzehnten zur See. Auf Fischkuttern oder Marineschiffen, mit Kapitänspatent oder als Maschinenbauingenieure, bevor sie zur DGzRS kamen. Ihre Gesichter sind von Wind und Wetter gezeichnet, die Hände rau und rissig. Unter dem einen oder anderen Ärmel blitzt eine Tätowierung hervor, wie sie klischeehafter nicht sein könnte: selbstgestochene Anker, Herzen, Namen. Seemänner wie aus Pippi Langstrumpf Geschichten. Doch diese vier verstehen ihre Arbeit. Das haben sie mir heute gezeigt. Und auch wenn die Umstände meiner Seenot mehr als gnädig waren, die Rettung klappt.

Im Ernstfall beginnt jetzt die Versorgung der Geretteten. An Bord der Hans Hackmack ist eine komplette Ambulanz versteckt. Verbandskasten, EKG, Medikamentenkoffer. Theoretisch könnten Schwerverletzte hier bestens versorgt werden – wenn ein Arzt an Bord ist. Die Seenotretter dürfen selbst nicht viel machen. Von ihnen gibt es warme Decken, heißen Tee und tröstende Worte. Heute, nach der Übung, wird das Programm leicht abgewandelt. Es gibt es selbstgemachte Frikadellen aus der Schiffskombüse und Abenteuergeschichten aus mehreren Jahrzehnten Seefahrt. Die Seenotretter sind nach der Übungsfahrt hungrig und stürzen sich gleichzeitig auf die Schüsseln. Ich fühle mich zum ersten Mal an diesem Tag einer wirklichen Gefahr ausgesetzt. „Beim Essen hört die Gastfreundschaft auf!“

Erschienen in segeln 12/2010

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