Die Kutterkinder

Posted by in Britta macht... on Mi. Jun. 2011

Die Kutterkinder

Jeden Freitag Nachmittag treffen sich handwerklich begabte und segelbegeisterte Kinder, Eltern und Großeltern in einer alten Industriehalle in Hamburg, um gemeinsam einen alten Jugendwanderkutter zu restaurieren. Das Versprechen: Jeder kann mitmachen. Ich habe sie beim Wort genommen und es ausprobiert.

Anouk Klauberg ist Deutschlands wahrscheinlich jüngste Bootsbauerin: Sie ist sechs Jahre alt. Vormittags besucht sie die erste Klasse der Rudolf-Steiner-Schule in Hamburg- Altona, nachmittags sind Schleifpapier, Holzhammer und Pinsel ihr Werkzeug. Auch ihr Vater Klas hat seinen Schlips abgelegt und gegen den Blaumann getauscht. Heute ist auch der Segellehrer und Personaltrainer ein Werftarbeiter. Um ihn herum wuseln Kinder, spielen Katz und Maus zwischen aufgebockten Booten. „Bitte nicht siezen“, er verzieht das Gesicht. Egal ob alt oder jung, bei den „Kutterkindern“ sind alle per Du.

Etwas versteckt auf dem Hinterhof eines Taxiunternehmens in Hamburg Bahrenfeld habe ich nach kurzem Suchen die alte Halle gefunden, in der sie sich jeden Freitag Nachmittag treffen. Noch ist es ruhig, kein Sägen, kein Schleifen, nur wenige Kinder- stimmen sind zu hören. Zwei blonde Jungs toben durch die Halle, hangeln an orangefarbenen Kugelfendern. Dahinter steht aufgebockt der Grund für mein Kommen: ein alter Jugend- wanderkutter. Seit Oktober steht er hier in der Halle. In einem Schulprojekt restaurieren Kinder, Eltern und Großeltern zusammen das Boot mit dem Ziel, es wieder seetauglich zu machen und vielleicht schon in diesem Sommer erste Touren zusammen zu unternehmen.

Im Sommer 2009 gründete Klas Klauberg zusammen mit Kai Ulrich die Projektgruppe. Seit September arbeiten sie an dem 40 Jahre alten Jugendwanderkutter. Zwölf Jahre lang war das Boot nicht mehr im Wasser, bald soll es zurück auf die Elbe. „Wenn wir so weiterarbeiten wie bisher, ist das sogar durchaus bis zum Sommer möglich. Es ist unglaublich mit welcher Begeisterung die Kinder dabei sind,“ erklärt Kai.

Wie jeden Freitag gegen 15.00 Uhr füllt sich die Werft. Zehn Kinder, drei Väter und ein Großvater versammeln sich in der Mitte. Alle fassen sich an den Händen, Klas erklärt noch einmal die Regeln, alle sprechen den gemeinsamen Werftspruch: „Gottes sind Wogen und Wind – aber Segel und Steuer, dass ihr den Hafen gewinnt, sind euer.“ Die Kinder der Initiatoren besuchen die Rudolf-Steiner Schule in Altona. Hier fiel die Idee der Väter auf fruchtbaren Boden. „Kinder, die heute die Fischersallee zur Elbe hinab laufen, wissen oft nicht, dass Altona 1535 als Fischerdorf gegründet wurde und viele berühmte Bootsbauer und Segler aus Altona kamen“ erzählt Kai.

Ausgesprochen cool!

„Wir wollten den Kindern vermitteln, wo sie eigentlich aufwachsen.“ Schnell gründet sich eine Elterninitiative, später ein Verein. Mit den ersten Spenden kaufte Kutterkinder e.V. den zwölf Meter langen Kahn vom Bremer Wassersportverein Hanse Kogge. Eine Förderung im Zuge der Aktion „Anstiften! 50 Impulse für Hamburg“ der Körberstiftung ermöglichte es, die Halle in Bahrenfeld an- zumieten. Inzwischen hat sich das Projekt einen Namen gemacht, längst kommen nicht mehr nur Kinder der Rudolf-Steiner Schule. Jeder, der Lust hat, kann mitmachen. Die jüngste Bootsbauerin heute ist Anouk. An Älteren fehlt es aber im Moment. „Mit 15 findet man es wohl nicht cool, an einem Boot zu basteln“ erklärt Kai Ulrich. „Dabei wären gerade die es, die im Sommer als erste auf das Wasser könnten.“ Die Kutterkinder finden ihr Projekt ausgesprochen „cool“ und machen sich mit Begeisterung an die Arbeit.

Auf der Galerie liegen schon fast fertige Riemen und warten auf den letzten Schliff. Keno und Romy ölen den Lederumschlag. „Ihr müsst ordentlich viel Öl auftragen. Das muss sich richtig vollsaugen, damit das Wasser nicht in das Leder kann.“ Klas scheint stets die gesamte Halle im Blick zu haben, hilft hier, erklärt dort. Er hat in der Vergangenheit schon andere Schiffe wieder hergerichtet. So entwickelte sich der Gedanke weiter, den Kindern und Jugendlichen das Schippern auf der Elbe aus erster Hand erlebbar zu machen. Nicht nur das  Segeln sollen sie lernen, sondern alles, was es rund um Bootsbau und Pflege eines Vollholzschiffes auf der Elbe zu wissen und zu lernen gibt. Bevor es also aufs Wasser geht, muss erst einmal der Jugendwanderkutter wieder flott gemacht werden.

In Zweier- und Dreiergruppen arbeiten die Kinder jeweils einen Riemen von ersten bis zum letzten Schritt auf. So sollen sie lernen, sich für „ihren“ Riemen verantwortlich zu fühlen. „Wenn die den Riemen abgeschliffen und wieder lackiert, mit Leder bespannt und genietet haben, da wirst du keinen sehen, der sich nachher damit von der Spundwand abdrückt.“

„Du kannst aber nicht nur rumstehen und Fotos machen!“

Und sie werden auch darauf achten, dass die anderen damit sorgsam umgehen. Durch die Reparatur, den Wie- deraufbau und die Pflege eines Vollholzschiffes mit eigenen Händen lässt sich kleinen „Landratten“ am besten erfahrbar machen, das sich der Zu- gang zur Elbe verdient werden muss. Dass wirklich alle mit anpacken müssen, merke auch ich schnell. Anouk weist mich zurecht: „Du kannst aber nicht nur rumstehen und Fotos machen!“ Und weil sie Recht hat, lasse ich mir von ihr und ihren Freundinnen erklären, wie man den Riemen schleifen muss. Anouk drückt mir 180er Schmirgelpapier und einen Holzklotz in die Hand. „Damit geht das einfacher. Und immer mit dem Muster!“ Zusammen entfernen wir die Lackreste vom Riemen bis er glatt und unsere Hände rau sind. Papa Klas ist zufrieden und so bekomme auch ich am Abend einen Stempel in mein Kutterkinder-Arbeitsheft.

Die schweren Maschinen wie die selbstgebaute Dampfmaschine zum Biegen der Spanten, elektrische Sägen, Schleif- oder Bohrmaschinen bedienen „die Großen“, Teenager und Eltern. Da heute genug Große gekom- men sind, wird es bald laut in der Halle. Mit der elektrischen Schleifmaschine wird einer der Masten bearbeitet. Der Kutter, ein offenes Segelboot mit zwei Luggersegeln und zehn Riemen, entstand aus den Marinekuttern der Kaiserlichen Marine und wurde damals als Schul- und Rettungsboot eingesetzt. Viele Segelvereine haben diese Bootsklasse später für die Jugendarbeit eingesetzt und Regatten oder Wanderfahrten veranstaltet. Auf dem geräumigen Schiffsdeck lässt es sich für 6 bis 8 Jugendliche unter gespannten Persennings gut schlafen und so über mehrere Tage kostengünstig Flüsse, Seen und Nebenarme von Binnengewässern „erwandern“. Dafür muss jedoch zunächst der Kahn wieder fit und ein Sportbootführerschein gemacht werden. Die ersten Eltern sind bereits in Klas’ Segel Akademie angemeldet. Sie sollen die Kinder und Jugendlichen auf ihren ersten Fahrten begleiten, bis diese selbst einen Schein machen können.

„Kutterkinder“ ist ein echtes Gemeinschaftsprojekt.

Nach dem gemeinsamen Aufräumen bilden Kinder, Eltern und Großeltern wieder einen Kreis und fassen sich bei den Händen. Auch ich werde dazu gerufen. Schließlich habe ich mitgearbeitet.
Er müsse vorab auch mal ein bisschen schimpfen, erklärt Klas. Es gäbe schließlich Regeln die alle kennen. Jeder bekommt eine Aufgabe, die für den ganzen Tag gilt. Wer nicht mehr kann, macht langsamer, Arbeits- tausch unter Kindern gibt es nicht. Und doch haben heute einige ihre Arbeit irgendwann liegen lassen, um sich etwas Interessanteres zu suchen. Manchmal müsse man aber auch Dinge tun, die nicht so viel Spaß machen. Die Angesprochenen gucken betreten. Inzwischen trudeln Eltern und Geschwister ein, um die kleinen Werftarbeiter abzuholen. Bevor alle auseinander laufen ,sagen wir noch einmal gemeinsam den Spruch: „Gottes sind Wogen und Wind – aber Segel und Steuer, dass ihr den Hafen gewinnt, sind euer.“

Kutterkinder erschienen im segeln E-mag, Frühjahr 2010

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